Vergessene Heldentat in Mansfeld-Südharz
Eine bemerkenswerte Geschichte aus der dunkelsten Zeit deutscher Vergangenheit wurde erst sechs Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs öffentlich bekannt. Im Landkreis Mansfeld-Südharz versteckte eine Sangerhäuser Familie drei Wochen lang das Kind einer polnischen NS-Zwangsarbeiterin und bewahrte es so vor den nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen.
Die Geschichte der Anna Szaban
Die Polin Anna Szaban brachte 1944 in Artern ein Kind zur Welt – unter den schwierigsten Bedingungen, die Zwangsarbeiterinnen während der NS-Diktatur erdulden mussten. Die nationalsozialistische Ideologie sah vor, dass diese Frauen nach der Geburt möglichst schnell wieder zur Arbeit gezwungen werden sollten. Um dieser unmenschlichen Praxis zu entgehen, fand das Neugeborene für drei Wochen Schutz bei einer deutschen Familie in Sangerhausen.
Diese außergewöhnliche Rettungsaktion blieb jahrzehntelang im Verborgenen, bis der engagierte Heimatforscher Klaus Thieme die Geschichte im Jahr 2005 recherchierte und der Öffentlichkeit zugänglich machte. Thiemes Forschungen gehören zu einer umfassenden Serie über Zwangsarbeit in der Region Mansfeld-Südharz, die das Schicksal tausender verschleppter Arbeitskräfte dokumentiert.
Das Kinderheim Hackpfüffel
Im Jahr 2003 wurde im Zusammenhang mit dem ehemaligen Kinderheim Hackpfüffel eine besonders berührende Episode aus der NS-Zeit bekannt. Dieses Heim war 1944 speziell als Reaktion auf die zunehmende Zahl von Geburten durch Zwangsarbeiterinnen gegründet worden. Die nationalsozialistische Logik verlangte, dass diese Frauen nach der Niederkunft umgehend wieder in der Kriegswirtschaft eingesetzt werden sollten – eine Praxis, die menschliches Leid systematisch ignorierte.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die mutige Entscheidung der Sangerhäuser Familie, das Kind von Anna Szaban zu verstecken, besondere Bedeutung. Sie handelten entgegen der offiziellen Politik und setzten sich damit persönlichem Risiko aus.
Späte Anerkennung
Ein historisches Foto aus dem Jahr 1949 zeigt Anna Szaban-Kaczmarek mit ihrem Sohn Staschek – vier Jahre nach Kriegsende und dem Ende ihrer Zwangsarbeit. Die Aufnahme aus der Sammlung von Klaus Thieme dokumentiert das Überleben einer Familie, die das nationalsozialistische Regime eigentlich hatte zerstören wollen.
Die Geschichte der Rettung des Kindes steht exemplarisch für jene stillen Heldentaten, die während der NS-Diktatur im Verborgenen stattfanden. Sie erinnert daran, dass selbst in der dunkelsten Zeit menschliche Solidarität und Mitgefühl möglich waren – wenn auch unter größter Gefahr für die Beteiligten.
Die Aufarbeitung dieser Ereignisse durch Heimatforscher wie Klaus Thieme trägt dazu bei, ein vollständigeres Bild der regionalen Geschichte während des Nationalsozialismus zu zeichnen. Sie bewahrt das Andenken an die Opfer der Zwangsarbeit und würdigt gleichzeitig jene, die Widerstand im Kleinen leisteten.



