Ein Leben zwischen Vertreibung und Neuanfang: Willy Standfuß schreibt Geschichte
Die Erinnerungen drängten sich immer stärker in seinen Gedanken – Bilder von Flucht, Verlust und Unsicherheit. Für Willy Standfuß aus Rechlin wurde der Kugelschreiber schließlich zum Ventil, um das zu verarbeiten, was sich vor mehr als 80 Jahren in seine junge Seele gebrannt hatte. Der heute 94-Jährige hat auf 25 eng beschriebenen Seiten festgehalten, was ihn als Jugendlicher prägte und bis heute bewegt.
Die halbe Stunde, die alles veränderte
„Eine halbe Stunde – mehr Zeit haben die Polen uns nicht gegeben“, erinnert sich Standfuß an jenen Frühsommertag, der sein Leben für immer verändern sollte. Damals, als 14-Jähriger in Schützensorge an der Warthe im heutigen Polen, stand er plötzlich vor der unmöglichen Aufgabe: Innerhalb von nur 30 Minuten musste er seine kranke Mutter und drei kleine Geschwister in Sicherheit bringen. Das vertraute Zuhause wurde zur vergangenen Heimat, die Zukunft lag im diffusen Ungewissen.
Ohne Pferd oder Gespann blieb nur die Schubkarre. Der Teenager packte die wichtigsten Habseligkeiten, legte die geschwächte Mutter obenauf und wickelte Seile um die Karre und seine eigenen Schultern. „Was packt man da ein als 14-Jähriger? Was muss man zurücklassen?“ Diese Fragen begleiteten ihn auf dem beschwerlichen Weg dem Treck hinterher – ein Weg, der vier Tage und 80 Kilometer bis nach Berlin dauern sollte.
Flucht, Verlust und die Suche nach Normalität
Bei Verwandten in Altlandsberg fanden sie vorübergehend Unterschlupf, doch auch hier lastete der Schatten des Krieges schwer auf der Familie. Drei Söhne hatten die Verwandten verloren, der jüngste blieb sogar ohne Grab. „Die Wunden rissen, die nie würden heilen können“, beschreibt Standfuß die Atmosphäre der Trauer, die er als Jugendlicher miterlebte.
Die endgültige Zuflucht fand die Familie schließlich in Zirtow zwischen Mirow und Wesenberg in der Mecklenburgischen Kleinseeplatte. Doch Heimat war für Willy Standfuß etwas anderes – etwas Herzenstiefes mit langen Wurzeln, die in der alten Heimat zurückgeblieben waren. Ohne Arbeit konnte er nicht für die Familie sorgen, die noch immer auf die Rückkehr des Vaters wartete.
Unter Tage und zurück ins Licht
Die Lösung fand sich unerwartet: Standfuß bewarb sich bei der Wismut und wurde sofort als Bergmann eingestellt. Mit 18 Jahren verdiente er 1500 Mark – ein Vermögen für die damalige Zeit. Die Hälfte schickte er nach Hause, um die Familie zu unterstützen. Doch nach einer als ungerecht empfundenen Behandlung durch seinen Vorgesetzten schnürte er sein Bergmann-Bündel und verließ den Betrieb.
Über die Armee landete er schließlich in Rechlin am Südzipfel der Müritz, wo er sesshaft wurde und eine Familie gründete. Nach der Wende engagierte er sich beim Aufbau des Luftfahrttechnischen Museums in der Gemeinde – ein Projekt, das ihm nach seinem Ruhestand neue Bedeutung gab.
Das Schreiben als Brücke zwischen den Generationen
Heute lebt Willy Standfuß im Pflegeheim in Röbel, wo er seine Erinnerungen zu Papier brachte. „Ich möchte, dass das, was damals war, nicht vergessen wird“, erklärt er seine Motivation. Besonders an seine Enkelin Anne dachte er beim Schreiben, die immer wieder fragte: „Opa, wie war denn das? Erzähl' doch mal!“
Vor wenigen Tagen wurde Anne selbst Mutter – eine Urenkelin erblickte das Licht der Welt. Für Standfuß schließt sich damit ein Kreis, während seine Aufzeichnungen als Zeugnis einer vergangenen Zeit erhalten bleiben. Die eng beschriebenen Blätter warten noch auf einen Einband, doch ihre Botschaft ist bereits klar: Geschichte lebt durch die Erinnerungen derer, die sie erlebt haben.



