Osterbräuche in Zeitz: Eine Reise durch die Zeit
Ostern in der Region Zeitz offenbart viele Facetten und zeigt eindrucksvoll, wie sich Alltag, Bräuche und Lebensumstände über Generationen hinweg verändert haben. Von Zuckertüten, die einst zu Ostern verschenkt wurden, über alte Rituale rund um Wasser, Eier und die Fastenzeit bis hin zu kreativen Lösungen in der DDR: Die Erinnerungen älterer Zeitzeugen und die überlieferten Traditionen belegen, wie lebendig und facettenreich das Osterfest schon immer war.
Schuljahr begann zu Ostern mit Zuckertüten
Bis ins 20. Jahrhundert hinein begann das Schuljahr in der Region Zeitz traditionell zu Ostern – eine Zeit, die ältere Menschen bis heute lebhaft in Erinnerung haben. Ein Kaynaer, Jahrgang 1927, berichtet beispielsweise, wie er Ostern 1934 mit seinen Eltern spazieren ging und am Bach eine Zuckertüte fand. Sein Vater erklärte ihm damals, der Osterhase habe sie wohl beim Sprung über das Wasser verloren. Der Junge war begeistert von dem Inhalt: Äpfel, Hasel- und Walnüsse, eine Dose selbst hergestellter Bonbons sowie Stifte, Radiergummi und Schreibheft. „Die Freude war riesig“, erzählt Heimatforscher Volker Thurm. „Es gab ja nichts. Die Weltwirtschaftskrise flaute gerade erst ab, noch Jahre zuvor lebten die Menschen mit der Inflation.“ Die Zuckertüte wurde dann von Kind zu Kind weitergereicht. Ein umgesiedeltes Mädchen berichtete, dass ihre Lehrerin so gerührt gewesen sei, dass sie die Tüte mit zusätzlichen Äpfeln und Nüssen aufwertete.
Nach dem Ende der Schulzeit folgte für Mädchen und Jungen ein Pflichtjahr bei einem Bauern oder auf einem Rittergut. Diese Schulabgänger wurden als Osterjungen und Ostermädchen bezeichnet, was die enge Verbindung zwischen Bildung und landwirtschaftlichen Traditionen unterstreicht.
Traditionelle Osterbräuche: Eierfärben und grünes Essen
Das Ostern, wie wir es heute kennen, entwickelte sich erst um 1800. Seit dieser Zeit hängen ausgeblasene und verzierte Eier an Sträußen aus frischen Zweigen. Von Aschermittwoch bis Ostern wurde gefastet – nur die Hühner hielten sich nicht daran und legten weiter Eier. Das führte zu einem Überangebot, weshalb man die Eier kochte, um sie haltbar zu machen. „Eier sind seit jeher Fruchtbarkeitssymbole. Ostern ist der Höhepunkt des Frühlings“, erklärt Volker Thurm. Um gekochte von rohen Eiern zu unterscheiden, färbte man sie ein – etwa mit Zwiebelschalen, Roter Beete oder Holundersaft. So konnten Kinder keinen Schabernack treiben, indem sie rohe Eier gegen gekochte austauschten. In der Region Zeitz brachte traditionell der Osterhase die Eier, während in Teilen Thüringens auch Fuchs, Hahn oder Kuckuck kleine Überraschungen versteckten.
Mit dem Gründonnerstag begann das Osterfest traditionell mit einem grünen Mittagessen – ein Brauch, der sich bis heute in vielen Familien hält. Gegessen wurden Spinat oder Grünkohl mit Spiegelei und Gerste-, Hafer-, Roggen- oder Hirsebrei. Erst ab etwa 1800 kamen Salzkartoffeln hinzu, denn zuvor wurden in der Region noch keine Kartoffeln angebaut. Diese kulinarischen Traditionen zeigen, wie sich die Ernährung im Laufe der Zeit wandelte.
Osterwasser und kreative Dekorationen in der DDR
Am Ostersonntag zogen die Menschen bei Sonnenaufgang zu den Wasserlöchern bei Lobas, um Glückswasser zu schöpfen. „Diese Tradition haben wir nach der Wende wieder aufleben lassen“, berichtet Volker Thurm. Ein Anwohner habe ihm erzählt, dass er am Ostersonntag wegen des Flaschenklapperns nicht schlafen konnte. Doch alle hielten sich an die alte Regel: Auf dem Rückweg durfte man sich nicht umdrehen und nicht sprechen – sonst verwandelte sich das Osterwasser in Plapperwasser. Früher wurde es in der Sakristei der Lobaser Kirche an einem dunklen Ort aufbewahrt, denn viele Kinder wurden damit getauft. Auch heute ist das vor Sonnenaufgang geschöpfte Wasser nach den Feiertagen wieder in der Tourist-Information Zeitz erhältlich und bleibt kühl und dunkel gelagert bis zu einem Jahr haltbar.
Zu DDR-Zeiten waren österliche Dekorationen knapp. Viele freuten sich daher über die „West-Pakete“, die Schokoladenhasen und Osterbehang enthielten. „Das Witzige war, dass vieles aus dem Osten in den Westen exportiert wurde und dann über die Pakete wieder in die Heimat kam“, erzählt Volker Thurm. Doch selbst die begehrte Bückware reichte nicht aus, um alles festlich zu schmücken. Deshalb fertigten viele Menschen Schablonen von westlichen Vorbildern an und sägten Hasen oder Eier aus Sperrholz aus. Aus Kronkorken entstanden sogar die beliebten Streithähne Herr Fuchs und Frau Elster, was die Kreativität und den Erfindungsreichtum der Menschen in schwierigen Zeiten unterstreicht.



