Fahrlehrer schildert dramatische Grenzerfahrung im Landtag
Erst am Mittwoch musste Hendrik Schreiber, Fahrlehrer aus Brandenburg an der Havel und erster Vorsitzender des Fahrlehrerverbands Brandenburg, blitzschnell und mit voller Kraft bremsen. Eine seiner Fahrschülerinnen wollte abbiegen, übersah dabei jedoch einen entgegenkommenden LKW. In der Panik verwechselte sie dann auch noch Bremse und Gaspedal. „Hätte ich da nicht gebremst, säße ich heute nicht hier vor Ihnen“, berichtete Schreiber am Donnerstag mit deutlicher Betonung im Verkehrsausschuss des Brandenburger Landtags.
Bundesregierung plant umfassende Reform der Führerscheinausbildung
Schreiber war als Experte zu einem Fachgespräch geladen, denn Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) und die Verkehrsminister der Länder planen eine grundlegende Reform der Führerscheinausbildung. Die vorgesehenen Änderungen umfassen:
- Verlagerung der theoretischen Ausbildung in den digitalen Raum
- Reduzierung der Sonder- und Nachtfahrten
- Senkung der Ausbildungskosten für Fahranfänger
Doch Fahrlehrer und Experten warnen eindringlich vor den möglichen Konsequenzen dieser Reformpläne.
Fahrlehrer kritisieren „Bulimielernen“ und Laienausbildung
„Es geht beim Theorieunterricht nicht nur um bloße Wissensvermittlung“, betonte Schreiber. „In der Fahrschulausbildung werden auch Einstellungen und Werte vermittelt sowie moralische Dilemmata diskutiert – etwa warum man sich an Verkehrsregeln hält, selbst wenn die Straße frei ist.“ Digitale Systeme seien dagegen lediglich darauf optimiert, Wissen schnell abzufragen. „Das ist Bulimielernen für die Prüfung“, kritisierte der Verbandsvorsitzende.
Besonders problematisch sehen die Fachleute die geplante Möglichkeit, dass Fahrten in Begleitung erfahrener Laien als Fahrausbildung anerkannt werden könnten. „Möchten Sie einer solchen Laienkombination beim Durchfahren einer engen Überlandkurve entgegenkommen?“, fragte Schreier rhetorisch. „Das ist wie eine Operation am offenen Herzen.“
Der Prenzlauer Fahrlehrer Andreas Meier bezeichnete die Reform als „gut gemeint, aber schlecht gedacht“. Er wies darauf hin, dass der Fahrlehrerberuf eine anspruchsvolle Berufsausbildung sei. „Die Vorstellung, dass man auf einer Autobahn fährt und der Fahrlehrer sich die Landschaft ansieht, sendet ein falsches Signal.“
Versicherungsrechtliche Bedenken und unterschiedliche Positionen
Ein weiteres Problem sieht Meier in der Versicherungssituation: Während bei Fahrschulfahrten die Fahrschule über ihren Verband versichert ist, würde bei einer Laienausbildung der begleitende Verwandte als Fahrzeugführer gelten. Ein Unfall würde somit dessen Versicherungsprämie beeinflussen.
Anders sieht dies der Berliner Rechtsanwalt Leif Hermann Kroll: „Auch die Begleiter haben ein vitales Eigeninteresse daran, dass die Fahrt unfallfrei über die Bühne geht.“ Er sprach sich zudem für die Einrichtung öffentlicher Fahrsimulatoren aus, um die Führerscheinausbildung zu verbessern.
CDU-Politikerin äußert Bedenken aus persönlicher Erfahrung
Die CDU-Landtagsabgeordnete Nicole Walter-Mundt bekannte im Ausschuss offen ihre Bauchschmerzen bei der Reform ihres Parteikollegen. „Die Verkehrssicherheit muss ein wichtiges Thema bleiben“, betonte die Abgeordnete aus Oberhavel.
Als Mutter zweier Söhne stellte sie fest: „Die Führerscheinausbildung ist deutlich teurer geworden.“ Auch sie sieht die geplante Laienausbildung kritisch: „Wenn ich mir vorstelle, dass ich mit meinem Sohn im Auto sitze, er dann das Pedal verwechselt und ich nicht bremsen kann – dann habe ich ein Problem.“
Die Diskussion im Brandenburger Landtag zeigt deutlich, dass die geplante Reform der Führerscheinausbildung auf erheblichen Widerstand stößt. Besonders die Sicherheitsbedenken der Fachleute und die praktischen Erfahrungen der Fahrlehrer werfen kritische Fragen auf. Es bleibt abzuwarten, wie sich Brandenburg verhalten wird, wenn die Reform im Bundesrat zur Abstimmung steht.



