Wenn man auf die Preise in meiner Heimatstadt schaut, kann einem schwindelig werden. Die Folgen vor allem für Mitmenschen sind fatal. Ich traue meinen Augen kaum beim Blick auf die Karte.
„Norwegische Preise bei polnischen Löhnen“
„Auf Regen folgt Sonnenschein“, pflegt meine liebe Oma zu sagen. Auch, wenn ihre Lebensweisheit eigentlich aufs Gemüt einzahlt, gilt sie ja aktuell auch fürs Wetter: Die Eisheiligen schlugen zuletzt eiskalt zu. Und doch gab es auch schon Temperaturen von über 20 Grad. Zeit zum draußen Schlürfen und Essen. Wenn es der Geldbeutel erlaubt, versteht sich. Denn die Preise im Nordosten lassen immer wieder aufhorchen: Die Lebenshaltungskosten von Benzin bis Gastro – teurer als in deutlich „reicheren“ Gegenden Deutschlands. Und das bei den niedrigsten Löhnen in der Bundesrepublik. Ja, das Ganze ist erklärbar mit fehlendem Wettbewerb vor Ort und im Großhandel, hohen Netzentgelten oder strukturellen Nachteilen. Andere Herleitungen wie den gestiegenen Mindestlohn haben andere Ecken in Deutschland wiederum auch zu beklagen. „Norwegische Preise bei polnischen Löhnen“, schrieb mir ein Nordkurier-Leser.
„Ich bin wieder hier“ – Rückkehrer-Kolumne
Hohe Preise sind natürlich auch für mich und diese Kolumne kein Gewinnerthema. Der Vorwurf, der teilweise kommt: Ich würde die Region schlecht reden und solle doch einfach dahingehen, wo ich herkomme. Wo ich herkomme? Ich komme aus meiner geliebten Heimatstadt Neubrandenburg. Da bin ich also schon beziehungsweise wieder. Klar ist: Die Reaktionen auf die Berichterstattung zu den drastischen Preisen geben meinem Eindruck Recht. Viele Nordkurier-Leser umtreibt das Thema sehr, sie finden manche Preisentwicklung einfach horrend. In meiner Rückkehrer-Kolumne schreibe ich über das, was mir in Stadt und Region auffällt. 20 Jahre bin ich durch Deutschland getingelt: In Marburg lernte ich Freunde fürs Leben kennen, in Tübingen Menschen, die mir nie wieder aus dem Kopf gehen sollten. In Düsseldorf erlebte ich, wie hart es sich ganz allein ohne Heimat- und Studienfreunde anfühlt. In Berlin entwickelte ich mich beruflich weiter und gründete eine Familie. Hier reifte der Entschluss: Ich will zurück zu meinen Wurzeln. Über mein neues altes Leben, die Menschen und örtliche Hilfsangebote schreibe ich in „Ich bin wieder hier“.
Ein Erlebnis, das nachdenklich macht
Vor wenigen Wochen saß ich im Draußenbereich eines Lokals unweit des Tollensesees. Es gab Fisch für meine Kinder und mich. Zuvor gönnte ich den Kids jeweils eine Apfelschorle und mir ein großes Radler. Über den Preis für das erfrischende Kaltgetränk informierte ich mich erst nach der Bestellung: satte 5,80 Euro. Wie bitte? Richtig gehört! Da stellt sich schon die Frage: Hört das denn gar nicht mehr auf? Und wer soll das noch bezahlen? Essen gehen ist für viele Menschen mittlerweile kaum noch machbar. Das ist zwar der von mir persönlich erlebte Spitzenplatz, aber bei weitem kein Einzelfall. In mehreren Kneipen und Restaurants der Stadt kostet das große Bier bis zu 5,50 Euro. Zum Vergleich: 4,20 Euro in meiner ehemaligen Fußball-Stammkneipe in Berlin-Pankow, 4,50 Euro in manchen Wirtshäusern nahe dem Bodensee.
Eine besorgniserregende Entwicklung
Ich traue zwar meinen Augen kaum beim Blick auf die Karte. Bezahlen kann ich es aber in dem Moment und fühle dabei ein echtes Privileg. Was mir wirklich nahe geht: Ich frage mich in solchen Momenten, wie viele Leute es sich wirklich noch leisten können, bei solchen Preisen auswärts essen und trinken zu gehen und wie viele Menschen aus Stadt, Region und Bundesland sich bei so einem Preisangebot ausgeschlossen fühlen oder ausgeschlossen werden. Dass viele Menschen innerhalb ihres Urlaubs beim Essen gehen sparen und nur noch selbst kochen, ist schon längst Realität. Die Konsequenz ist eine Blase, die keiner will – zumindest ich nicht.
Als ich den Preis meinem Vater erzähle, meint er (zugegeben wohl ein bisschen zynisch), den Leuten sei das egal und es sei trotzdem überall voll. Diesem Eindruck würde ich widersprechen. Ich glaube: Das kann sich – zumindest in einer bestimmten Regelmäßigkeit – nur noch ein bestimmter Teil der Bevölkerung im Nordosten leisten. Und das ist aus meiner Sicht fatal. Freizeit- und auch Gastronomieangebote sollten für viele Menschen erschwinglich sein. Und Bürger unterschiedlicher Schichten und Viertel sollten sich schließlich nicht nur in der Kaufhalle begegnen. So nimmt aus meiner Sicht eine bestimmte Art der Ausgrenzung zu. Denn für viele ist eine Teilhabe bei diesen Zahlen kaum mehr möglich. So wird das Radler zum Luxusgetränk für gut Betuchte.
Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht? Sehen Sie das alles ganz anders? Wo sehen Sie gefährliche Entwicklungen in Stadt, Region und MV? Schreiben Sie mir: [email protected]



