Arvid Schnauer: Ein Leben für Verbundenheit und Gerechtigkeit
Schlagzeilen, Scheinwerferlicht und dann plötzlich Stille. In unserer Serie „Was macht eigentlich …?“ werfen wir einen Blick auf Rostocker Persönlichkeiten, die einst im Rampenlicht standen und heute weiterhin wirken. Arvid Schnauer, Theologe und früherer DDR-Bürgerrechtler, gehört zweifellos dazu.
Geerdete Spiritualität im Alltag
Vor Arvid Schnauer liegt ein historischer Ordner aus den 1980er-Jahren mit der Aufschrift „Verabschiedungs-, Ermutigungs- und Fürbittgottesdienst für zur Armee Einberufene“. Behutsam blättert der Rostocker Pastor darin und fragt sich: „Was haben diese Worte und Fürbitten damals für junge Wehrpflichtige bedeutet?“
Der Theologe, der im Herbst sein 89. Lebensjahr vollendet, fühlt sich den Menschen seines Lebensweges nach wie vor verbunden – und diese Verbindung ist gegenseitig. „Oft kommen ehemalige Jugendliche, heute um die 60 Jahre alt, zu mir, um mit mir zu sprechen“, berichtet der Mann, der zwar in Schwerin geboren wurde, aber seit seinem Theologiestudium in Rostock wirkt.
Seine anhaltende Ausstrahlung hat viel mit seiner geerdeten Spiritualität zu tun. „Im alltäglichen Umgang mit Schwachen und Bedrückten, Unterlegenen und Leidenden muss sich Glauben beweisen“, betont Schnauer. Diese Überzeugung berührte während der Friedlichen Revolution auch viele Menschen ohne religiösen Hintergrund.
Von der Technik zur Theologie
Früh politisch interessiert, schwankte Schnauer vor dem Abitur zwischen einem Studium der Hochfrequenztechnik und der Theologie. Als der DDR-Staat gegen die Junge Gemeinde vorging, entschied er sich – bestärkt durch einen prägenden Diakon – für den Pfarrberuf. Sein Vater war aus der Kirche ausgetreten und Mitglied der SA gewesen, während seine Mutter eine fromme Frau war. Aus dieser familiären Spannung entwickelte sich seine soziale Theologie: „Ich habe immer auf die Kräfte der Verbundenheit gesetzt.“
Frieden durch Gewaltlosigkeit
Fehlt diese Verbundenheit heute in unserer Gesellschaft? Weltweit? Schnauer überlegt kurz. Er ist sich der Komplexität der modernen Welt bewusst. Dann antwortet er ruhig und freundlich: „Frieden entsteht nicht durch Gewalt. Das hat mich das Leben gelehrt. ‚Schwerter zu Pflugscharen‛ bleibt richtig. Auch wenn ich weiß, dass manche Menschen es anders sehen.“
Populistische Erfolge in Ostdeutschland erklärt der Theologe mit einem tiefgreifenden Gerechtigkeitsdefizit. Er warnt nachdrücklich vor dem Abbau des Sozialstaats und berichtet von eigenen Erfahrungen im Gesundheitssystem, wo im hohen Alter medizinische Entscheidungen nicht immer nur nach medizinischen Kriterien getroffen werden.
Neuanfang nach persönlichem Verlust
Nach dem Tod seiner Frau vor dreieinhalb Jahren stürzte Schnauer, wie er offen zugibt, in eine tiefe Depression. Doch dann begann er bewusst, neu in der Gegenwart zu leben. Umgeben von den Gemälden seiner verstorbenen Ehefrau, die ab 2002 intensiv zu malen begann, findet er Trost und Präsenz. Seine Kinder sind ihm eine weitere Stütze: Seine Tochter ist durch ihren Mann mit der Rostocker Musikszene verbunden, sein Sohn, der als Intensivpfleger arbeitet, eröffnete in Hamburg ein Frühstückscafé.
Freundschaftliche Verbindungen und Netzwerke
Auch mit Joachim Gauck, dem früheren Pastor und späteren Bundespräsidenten, steht Schnauer weiterhin in freundschaftlichem Kontakt. „Wir sahen die Dinge in Kirche und DDR gleich“, erinnert sich Schnauer. Allerdings war er zurückhaltender, wenn es darum ging, junge Menschen zur Freiheit zu motivieren. Er wollte sie nicht „zu heiß“ machen, wissend um die Existenz von Foltergefängnissen und die Verletzlichkeit Jugendlicher gegenüber staatlicher Macht.
Schnauer selbst ließ sich nie einschüchtern. „Vertrauen wagen“, das Motto des Kirchentages, den er für Rostock organisierte, wurde zu seinem persönlichen Leitmotiv in der DDR-Zeit. Gemeinsam mit einem Kollegen führte er in sogenannten „Wanderrüsten“ kleine Jugendgruppen von Kirche zu Kirche, baute einen Imkerwagen zum Kirchwagen um und organisierte Gemeindecamps mit zahlreichen Zelten auf ausländischen Campingplätzen.
Diplomatischer Netzwerker bis heute
Nach der Wende wurde Schnauer 1990 zum Leiter des Rostocker Gerechtigkeitsausschusses ernannt. Die Dokumentations- und Gedächtnisstätte in Rostock bewahrt bis heute Spuren dieser wichtigen Arbeit. Arvid Schnauers Leben steht exemplarisch für den Glauben an Verbundenheit, Gerechtigkeit und gewaltlosen Widerstand – Werte, die heute aktueller denn je erscheinen.



