Das ehemalige Lagergelände am Rande der Gemeinde Wöbbelin ist ein Ort der Erinnerung. Am 2. Mai 1945 wurde das hier in den letzten Kriegsmonaten schnell errichtete Außenlager des KZ Neuengamme von Truppen der US-Army befreit. Angesichts dessen kommen jedes Jahr Angehörige von KZ-Häftlingen und Soldaten sowie Politiker zusammen, um der Opfer zu gedenken.
1945 ein Ort des Grauens
Dabei entfaltet der Ort mit seinen hohen Bäumen und dem frischen Grün gerade im Mai seine besondere Wirkung. „Dieser Ort wirkt heute so friedlich, und dennoch war er 1945 ein Ort des Grauens“, sagt Katarzyna von Renesse. Ihr Großvater starb in Wöbbelin, nur wenige Tage vor dem Eintreffen der amerikanischen Soldaten.
„Als Kind habe ich bei meinen häufigen Besuchen auf dem Bauernhof meiner Großmutter die Lücke, die er hinterlassen hat, nicht empfunden, aber als Jugendliche fiel es mir auf“, erinnert sie sich. Auf Nachfragen erfuhr sie, dass der Großvater der Kollaboration mit polnischen Partisanen verdächtigt und verhaftet wurde. Er kam nie zurück und niemand wusste, was aus ihm geworden war. „Meine Großmutter hatte nie aufgehört, auf ihn zu warten“, berichtete von Renesse weiter.
„Ihn symbolisch wieder nach Hause mitgenommen“
Irgendwann begann sie mit der Suche, um zu erfahren, was dem Großvater, den sie nie kennenlernen durfte, zugestoßen ist. „2022 stieß ich auf seinen Namen in einer Liste der Gedenkstätte Neuengamme und erfuhr so, dass er nach Wöbbelin transportiert worden war, ein Ort, von dem ich noch nie gehört hatte und der dann so wichtig wurde“, erzählte die in Warschau lebende Frau.
Später in dem Jahr fuhr die gesamte Familie mitsamt der 90-jährigen Großmutter und Kindern, Enkeln und Urenkeln nach Wöbbelin, um zu sehen, wo der Großvater getötet und begraben worden war. „Es hat uns sehr berührt, dass die Opfer nicht vergessen und ihre Namen hier auf dem Gelände bewahrt werden“, führt von Renesse aus. Auch, dass die toten Häftlinge dank der Amerikaner in Ehrengräbern bestattet wurden, hat der Familie einen gewissen Frieden gegeben.
„Auch wenn wir nicht wissen, wo genau unser Großvater liegt, ist es doch gut, dass er ehrenvoll begraben wurde“, macht die Enkelin deutlich. Die Familie hat damals Erde von den Ehrengräbern und dem Lagergelände zurück nach Polen genommen und auf dem Grundstück seines ehemaligen Hofs verstreut. „So konnten wir ihn symbolisch nach Hause bringen“, erzählt von Renesse.
„Mein Mann ist Deutscher, unsere Kinder tragen das Erbe unserer beiden Länder in sich, darum weiß ich, dass etwas Gutes entstehen kann, wenn wir unsere gemeinsame Geschichte als Verbindung und nicht als Trennung wahrnehmen“, macht sie zum Abschluss ihrer Rede deutlich. Im Anschluss an die Grußworte steckten die Teilnehmer der Veranstaltung Rosen an die Stelen, die die Grenzen der Lagerbaracken symbolisieren.



