Tschernobyl-Liquidator Thomas Tschuprik berichtet in Perleberg von seinen Erlebnissen in der Sperrzone
Ein faszinierender Gesprächsabend in der Perleberger Stadtbibliothek BONA brachte die schrecklichen Folgen der Tschernobyl-Katastrophe zurück ins Bewusstsein. Der Zeitzeuge Thomas Tschuprik, ein ehemaliger Sowjetoffizier, der als sogenannter Liquidator in der verstrahlten Sperrzone eingesetzt war, teilte seine eindringlichen Erinnerungen mit den Besuchern. Moderiert wurde der Abend vom Stadtsprecher Renè Hill, der mit Tschuprik direkt zwischen Bücherregalen saß und ein tiefgründiges Gespräch führte.
Erfahrungen aus der radioaktiven Zone
Am 26. April 1986 führten verheerende Explosionen im Reaktor-Block 4 des Kernkraftwerkes Tschernobyl zu einer massiven Freisetzung radioaktiver Strahlung. Dieses Unglück kostete Tausende das Leben und machte das Gebiet bis heute unbewohnbar. Thomas Tschuprik war einer von vielen Soldaten, die in das Katastrophengebiet versetzt wurden, um bei den Räum- und Sicherungsmaßnahmen zu helfen. Für diese gefährliche Arbeit erhielt er lediglich einen dreifachen Monatslohn als Entschädigung.
„Arbeit auf einer Baustelle“ – so wurde ihm die Mission von seinen sowjetischen Vorgesetzten beschrieben, mehr Informationen erhielt er nicht. Ursprünglich sollte der gebürtige Rathenower nach Afghanistan versetzt werden, doch er verpasste absichtlich seinen Flug und landete stattdessen im März 1987 in Tschernobyl. „Was ist hier los? Gibt es hier Krieg?“, dachte er damals, als er in den Norden der heutigen Ukraine reiste.
Zusammen mit 60 Soldaten führte er verschiedene Arbeiten im hochverstrahlten Gebiet durch: Fliesen abtragen, Wände wischen und kontaminierte Materialien vergraben. Die Tage waren hart strukturiert: um 4 Uhr aufstehen, um 4.30 Uhr Frühstück, dann zum Appellplatz und anschließend mit Lastwagen ins Sperrgebiet. Tschuprik betonte, dass überwiegend Männer aus ländlichen Regionen für diese Aufgaben eingezogen wurden, da man von ihnen wusste, dass sie fleißig sind und nicht viele Fragen stellen.
Mangelnde Sicherheitsvorkehrungen und gefährliche Unwissenheit
In der Sowjetunion wurden die Bürger kaum über die tatsächlichen Ereignisse in Tschernobyl informiert, während in der DDR viele besser Bescheid wussten – oft durch illegal empfangenes Westfernsehen oder die Erkenntnis, dass eine radioaktive Wolke nicht einfach um den Staat herumziehen würde. Die russischen Soldaten waren deutlich schlechter informiert.
Tschuprik schilderte, dass trotz seiner Befehle zur Vorsicht einige Männer in verstrahlten Gewässern angelten oder Fahrzeuge ehemaliger Bewohner ausprobierten. „Das Problem ist, dass du die Strahlung nicht siehst. Du spürst sie nicht. Du schmeckst sie nicht“, erklärte er. Entsprechend mangelhaft waren die Sicherheitsvorkehrungen: Die Männer trugen meist einfache Felduniformen, nur beim Putzen durften sie Gummianzüge anziehen. Für die Reinigung wurde Wasser mit gewöhnlichem Reinigungsmittel verwendet, wobei die Lappen nur einmalig genutzt werden durften.
Geigerzähler zur Messung der Strahlenbelastung waren knapp und wurden gruppenweise verteilt, sodass die Soldaten sogar zusammen auf die Toilette gehen mussten, um nie getrennt zu sein. Nach der Arbeit wurden die Strahlungswerte dokumentiert; wer einen Wert von 25 Röntgen erreichte, durfte abreisen – was meist nach drei Monaten der Fall war.
Engagement und bleibendes Andenken an die Katastrophe
Nach seiner Schilderung der unmittelbaren Erlebnisse berichtete Tschuprik vom langfristigen Nachwirken der Katastrophe. Er hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder engagiert, um an das Unglück zu erinnern. Dazu gehören Wanderausstellungen, die auch in Berlin und seinem Geburtsort Rathenow stattfanden, sowie seine Beteiligung im Verein „Kinder von Tschernobyl“. Dieser Verein unterstützt Menschen bei der Bewältigung des Reaktor-Traumas, denn bis heute werden aufgrund der Verstrahlung Kinder mit Gendefekten geboren, da die Schäden im Erbgut generationenübergreifend vererbt werden.
Die Gäste verfolgten die Schilderungen mit großem Interesse, darunter auch Bürgermeister Axel Schmidt, der es sichtlich genoss, seinen Pressesprecher Hill in der Moderationsrolle zu erleben. Im Anschluss an den Vortrag hatten die Zuschauer die Möglichkeit, Fragen zu stellen und mit dem Zeitzeugen ins persönliche Gespräch zu kommen. Dieser Abend unterstrich erneut, wie wichtig die Aufarbeitung historischer Katastrophen für das kollektive Gedächtnis bleibt.



