Ermittlungen gegen 27 Arztpraxen: Verdacht auf gefälschte Masern-Impfatteste
Ermittlungen: Verdacht auf gefälschte Masern-Impfatteste

Ermittlungen gegen 27 Arztpraxen: Verdacht auf gefälschte Masern-Impfatteste

In Tausenden Fällen sollen Ärzte in Bayern Masern-Impfungen falsch dokumentiert oder medizinische Atteste ausgestellt haben, die eine Impfunfähigkeit bescheinigen. Dies geht aus einer gemeinsamen Recherche von WDR, NDR und der „Süddeutschen Zeitung“ hervor. Die Gesundheitsämter verdächtigen insgesamt 27 Arztpraxen, an dieser möglichen systematischen Umgehung der seit 2020 geltenden Masern-Impfpflicht beteiligt zu sein.

Masern: Eine gefährliche Krankheit mit steigenden Fallzahlen

Maserninfektionen können mit hohem Fieber, schweren Hautausschlägen sowie gefährlichen Komplikationen wie Lungen- oder Gehirnentzündungen einhergehen und nicht selten tödlich enden. Genau aus diesem Grund wurde im Jahr 2020 eine Impfpflicht für Kinder eingeführt, die eine Kita oder andere öffentliche Einrichtung besuchen möchten. Seither versuchen jedoch Tausende Impfgegner, diese gesetzliche Vorschrift für ihre Kinder zu umgehen – offenbar mit Unterstützung durch zahlreiche Mediziner.

Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) schwanken die Masernerkrankungen in Deutschland von Jahr zu Jahr. Während im Jahr 2015 noch 2465 Fälle gemeldet wurden, sank die Zahl 2021 auf nur acht Erkrankungen. Im Jahr 2023 wurden bereits 79 Fälle registriert, doch seit der Corona-Pandemie ist ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen: Allein für das Jahr 2024 gingen 645 Infektionsmeldungen ein. Dieser sprunghafte Anstieg innerhalb weniger Jahre könnte unter anderem darauf zurückzuführen sein, dass Tausende Eltern eigentlich impfpflichtiger Kinder die seit 2020 geltende Vorschrift umgehen.

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Der Verdacht: Systematische Fälschungen in Arztpraxen

Die gemeinsame Recherche ergab, dass Gesundheitsämter in Bayern konkrete Verdachtsmomente gegen 27 Arztpraxen haben. Diese sollen in Tausenden Fällen Atteste ausgestellt haben, die bescheinigen, dass Kinder nicht geimpft werden können. Nur mit einem solchen Attest dürfen ungeimpfte Kinder überhaupt in eine Kita gebracht werden. Der Betrug soll jedoch noch weiter gegangen sein: Ein Mediziner aus Bayern, Volkhard P., soll sogar rund 1200 Masern-Impfungen in Impfpässe eingetragen haben, obwohl die Kinder diese Impfungen gar nicht erhalten hatten.

Volkhard P. sagte dem Rechercheteam, dass er nicht genau wisse, was die Staatsanwaltschaft ihm vorwerfe. Laut der „Süddeutschen Zeitung“ war er jedoch bereits durch ungewöhnlich häufige Ausstellungen von Impfunfähigkeitsattesten aufgefallen. Einige Eltern sollen ihre Kinder sogar „Hunderte Kilometer“ zu diesem Arzt gebracht haben, und viele seiner Patienteneltern seien als bekannte Impfgegner in Erscheinung getreten.

Herausforderungen für die Gesundheitsbehörden

Die Gesundheitsämter stehen vor erheblichen Herausforderungen bei der Aufklärung dieser Verdachtsfälle. Sie können nicht selbst beweisen, dass trotz eines Eintrags im Impfpass tatsächlich keine Impfung stattgefunden hat. Im Verdachtsfall müsste die Staatsanwaltschaft eine Blutabnahme anordnen, um Antikörper nachzuweisen. Liegt hingegen der Verdacht auf ein gefälschtes Impfunfähigkeitsattest vor, kann das Gesundheitsamt eine Nachuntersuchung anfordern, um die medizinische Begründung zu überprüfen.

Die Ermittlungen gegen die 27 Arztpraxen werfen grundsätzliche Fragen zur Wirksamkeit der Masern-Impfpflicht und zur Integrität des Gesundheitssystems auf. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, wäre dies ein schwerwiegender Vertrauensbruch, der nicht nur die Gesundheit von Kindern gefährdet, sondern auch das öffentliche Vertrauen in medizinische Institutionen untergraben könnte.

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