Kinderärztin wagt den Schritt in die Selbstständigkeit trotz schwieriger Rahmenbedingungen
Der schnelle Besuch beim Kinderarzt wird in vielen Regionen Deutschlands zunehmend zur Herausforderung. Überfüllte Praxen, ein gravierender Fachkräftemangel und das akute Nachfolgeproblem führen dazu, dass zahlreiche Kinderärzte keine neuen Patienten mehr aufnehmen können. Eltern sind dadurch gezwungen, mit ihren kranken Kindern oft weite Strecken zurückzulegen, um medizinische Versorgung zu erhalten.
Demografischer Wandel verschärft die Situation
Nach aktuellen Prognosen der Kassenärztlichen Vereinigung werden bis zum Ende des Jahres 2031 etwa die Hälfte aller niedergelassenen Kinderärzte in den Ruhestand gehen – häufig ohne dass eine Nachfolge bereits feststeht. Viele junge Medizinerinnen und Mediziner bevorzugen heute eine Anstellung in Kliniken oder anderen Einrichtungen, anstatt den Weg in die eigene Praxis zu wagen.
Vor diesem Hintergrund hat Dr. Juliane Dirks (39) einen bemerkenswerten Entschluss gefasst. Im März 2022 eröffnete die Kinderärztin ihre eigene Praxis in Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern. „Eine eigene Praxis zu gründen, hat definitiv Überwindung gekostet“, gesteht die Medizinerin. „Aber ich wollte schon immer selbstständig arbeiten und habe mich nie wirklich für eine Karriere in der Klinik gesehen.“
Von der Ausbildung zur Praxisübernahme: Ein steiniger Weg
Nach ihrem Medizinstudium an der renommierten Berliner Charité kehrte Juliane Dirks für ihre pädiatrische Facharztausbildung in ihre Heimat Mecklenburg-Vorpommern zurück. Drei Jahre verbrachte sie am Klinikum in Neubrandenburg, bevor sie ihre ambulante Ausbildung bei zwei niedergelassenen Kinderärzten absolvierte. Ihr ursprünglicher Plan sah vor, die Praxis eines dieser Kollegen zu übernehmen.
„Die ambulante Ausbildung war für mich ideal“, erklärt Dr. Dirks. „Ich konnte nicht nur das fachliche Know-how vertiefen, sondern auch den wirtschaftlichen und abrechnungstechnischen Hintergrund einer Praxisarbeit kennenlernen. Alles, was man für die Selbstständigkeit braucht.“
Kurz vor ihrer Facharztprüfung ergab sich dann eine unerwartete Gelegenheit: In ihrem Wohnort Neustrelitz wurde die Praxis eines Kinderarztes, der bereits geschlossen hatte, zur Übernahme angeboten. Die junge Ärztin konnte den Kassensitz übernehmen, stand jedoch vor der enormen Aufgabe, innerhalb weniger Monate eine komplett neue Praxis aufzubauen.
„Wir haben wirklich bei Null angefangen“, berichtet sie. „Neue Praxisräume mussten gefunden und eingerichtet werden, neues Personal wurde eingestellt. Als Mensch mit einem ausgeprägten Sicherheitsdenken war das ein riesiger Schritt, der mich viel Überwindung gekostet hat – zumal wir privat gerade mit dem Bau eines Hauses beschäftigt waren. Glücklicherweise hatte ich großartige Unterstützung durch meinen Vorgänger und durch Kollegen, sodass am Ende alles gut funktioniert hat.“
Die Hürden der Selbstständigkeit im Gesundheitswesen
Die Vorstellung, sein eigener Chef zu sein, mag verlockend klingen. Die Realität für niedergelassene Ärzte sieht jedoch oft anders aus. Ein hohes wirtschaftliches Risiko, Schwierigkeiten bei der Personalsuche, mangelnde Planungssicherheit und ein enormer bürokratischer Aufwand sind nur einige der Herausforderungen.
„Natürlich spielt auch die Attraktivität der Region eine entscheidende Rolle“, betont Juliane Dirks. „Oft sind es gerade die strukturschwachen, unattraktiven Regionen, in denen dringend Nachfolger für Praxen gesucht werden. Zudem wird die Arbeitsbelastung kontinuierlich größer. Auch wenn die absolute Anzahl der Kinder nicht überproportional steigt, werden die Kinder heute insgesamt kränker.“
Die Kinderärztin verweist auf die Zunahme psychischer Erkrankungen und das massive Problem der Adipositas im Kindesalter. „Wir haben immer weniger gesunde Kinder, die wir nur zu den Routine-Vorsorgeuntersuchungen sehen. Stattdessen behandeln wir komplexere Erkrankungen, die einen sehr hohen Zeitaufwand erfordern – der leider nicht angemessen vergütet wird.“
Work-Life-Balance als entscheidender Vorteil
Trotz aller Widrigkeiten sieht Dr. Juliane Dirks in der eigenen Praxis entscheidende Vorteile. „Man ist unabhängig, kann sich sein Arbeitsumfeld frei gestalten und ist nicht mehr an starre Schichtdienste im Krankenhaus gebunden. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familienleben ist deutlich besser.“
Für die Mecklenburgerin stellt die verbesserte Work-Life-Balance einen wesentlichen Gewinn dar – nicht zuletzt für die eigene Gesundheit. Gleichzeitig warnt sie davor, die Selbstständigkeit zu romantisieren. „Nicht jeder ist für diesen Weg gemacht. Man muss die hohe Verantwortung und die notwendige Selbstorganisation wirklich wollen und aushalten können.“
Ihr mutiger Schritt in Neustrelitz zeigt jedoch, dass es trotz aller Herausforderungen möglich ist, als Kinderärztin erfolgreich selbstständig zu sein – und damit einen wichtigen Beitrag zur medizinischen Grundversorgung in strukturschwachen Regionen zu leisten.



