Teamarbeit als Lösung für den Hausärztemangel: Studie zeigt großes Entlastungspotenzial
Der akute Hausärztemangel in Deutschland könnte durch eine verstärkte Teamarbeit in den Praxen kurzfristig ausgeglichen werden. Dies ist das zentrale Ergebnis einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung, die das Arbeitszeitpotenzial durch Aufgabenteilung zwischen Ärzten und qualifiziertem Fachpersonal untersucht hat.
Fast zwei Drittel Zeitersparnis möglich
Die Analyse kommt zu dem bemerkenswerten Ergebnis, dass Hausärzte nahezu zwei Drittel ihrer Arbeitszeit einsparen könnten, wenn sie bestimmte Tätigkeiten an entsprechend weitergebildete Medizinische Fachangestellte übertragen würden. Für die Studie verglichen die Experten Daten aus zwei bereits stark im Team arbeitenden Hausarztpraxen mit herkömmlich organisierten Praxen.
Insbesondere wiederkehrende Routineaufgaben bieten laut den Studienautoren großes Übertragungspotenzial:
- Technische Diagnostik wie EKG und Lungenfunktionstests
- Kontrolluntersuchungen bei chronisch Kranken
- Wundnachsorge und Verbandswechsel
- Patientenschulungen und Aufklärungsgespräche
- Routineuntersuchungen und Standardtests
Durch diese Aufgabenteilung könnten sich die Ärzte stärker auf komplexe diagnostische Entscheidungen, intensive Patientengespräche und individuelle Medikamentenverordnungen konzentrieren.
Kurzfristige Kompensation des Ärztemangels
Das Fazit der Studie ist eindeutig: Durch sinnvolle und ärztlich überwachte Aufgabenteilung im Praxisteam ließe sich der insbesondere in ländlichen Regionen bestehende Hausärztemangel kompensieren – und zwar kurzfristiger als durch die Ausbildung neuer Ärzte.
„Viele der benötigten Fachkräfte sind bereits qualifiziert, andere könnten ihre Kompetenzen durch Fortbildung oder berufsbegleitendes Studium relativ zügig erwerben“, betonen die Studienautoren. Den Prognosen zufolge ließe sich damit rechnerisch die drohende Lücke von rund 8.200 unbesetzten Hausarztsitzen im Jahr 2030 mit etwa 12.000 speziell geschulten Praxisassistentinnen und -assistenten abdecken.
Große Zustimmung unter Hausärzten
Eine repräsentative Befragung der Hausärzteschaft durch das Institut infas im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zeigt eine überwiegend positive Haltung gegenüber diesem Ansatz. Fast zwei Drittel der befragten Mediziner sehen großes bis sehr großes Entlastungspotenzial durch die Übertragung von Aufgaben an qualifizierte andere Berufsgruppen.
Die große Mehrheit der Ärzte würde folgende Tätigkeiten möglichst weitgehend oder zumindest teilweise abgeben:
- Patientenschulungen und Aufklärungsgespräche
- Spritzen, Impfungen und Infusionen
- Routineuntersuchungen und Standardtests
- Verfassen von Reha-Anträgen
- Routine-Hausbesuche in Pflegeheimen
Auf mehrheitliche Ablehnung stößt dagegen der Vorschlag, Akut-Hausbesuche oder die Anpassung von Medikamentendosierungen auf andere Berufsgruppen zu übertragen.
Rahmenbedingungen müssen geklärt werden
Zwar zeigen die Praxisbeispiele, was bereits unter heutigen Rahmenbedingungen möglich ist. Um den Ansatz jedoch flächendeckend umzusetzen, müssen nach Ansicht der Studienautoren noch wichtige Unsicherheiten geklärt werden. Dazu gehören insbesondere:
- Haftungsfragen bei delegierten Aufgaben
- Finanzierungsmodelle für die zusätzlichen Fachkräfte
- Einheitliche Qualifikationsstandards
- Rechtliche Rahmenbedingungen für erweiterte Kompetenzen
Die Studie macht deutlich, dass eine verstärkte Teamarbeit in Hausarztpraxen nicht nur die Arbeitsbelastung der Ärzte reduzieren, sondern auch die medizinische Versorgung der Bevölkerung sicherstellen könnte – besonders in Regionen, die bereits heute unter einem akuten Ärztemangel leiden.



