Die Zahl der Apotheken in Deutschland ist auf den niedrigsten Stand seit 1977 gesunken. Ende März gab es bundesweit 16.541 Apotheken – 60 weniger als zum Jahreswechsel, wie aus Daten der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände hervorgeht. Die Branche macht angesichts steigender Betriebskosten Druck für lange ausgebliebene Honoraranhebungen. Die Pharmaindustrie warnt vor getrübten Geschäftsaussichten durch das geplante Sparpaket der Bundesregierung.
Schrumpfendes Apothekennetz
Seit Anfang Januar stehen 19 Neueröffnungen 79 Schließungen gegenüber. Erfasst werden Hauptapotheken und Filialen, von denen es bis zu drei geben kann. Das Netz schrumpft damit weiter – 2022 gab es noch rund 18.000 Apotheken bundesweit.
Konsequenzen für Patienten
Der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes, Hans-Peter Hubmann, sagte: „Die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln ist zwar weiterhin gesichert, aber lange kann es so nicht mehr weitergehen.“ Jede geschlossene Apotheke bedeute weitere Wege für Tausende Patienten. Der Sozialverband Deutschland warnte, ein weiterer Rückgang in ohnehin unterversorgten Regionen wäre eine klare Verschlechterung, besonders für Menschen mit eingeschränkter Mobilität, Ältere und Menschen mit Behinderungen.
Hubmann erklärte, der seit Jahren andauernde Rückgang sei selten auf individuelle Fehlentscheidungen oder intensiveren Wettbewerb zurückzuführen, sondern liege an einer „chronischen Unterfinanzierung“ der Apotheken.
Honoraranhebung seit Langem gefordert
Die Branche fordert, den seit 2013 unveränderten Fixbestandteil des Honorars von 8,35 Euro pro Packung auf 9,50 Euro anzuheben. Union und SPD hatten dies im Koalitionsvertrag vereinbart, stellten es jedoch wegen der angespannten Finanzlage der gesetzlichen Krankenkassen zurück – erwartete Mehrausgaben: rund eine Milliarde Euro. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kündigte nun an, die Erhöhung anzugehen. Die Apotheken monieren, dass es keinen konkreten Zeitplan gebe, und fordern die Anhebung spätestens zum 1. Juli 2026.
Kassen sehen Lage anders
Der Spitzenverband der gesetzlichen Kassen bezeichnete die wirtschaftliche Situation der Apothekeneigentümer dagegen als „insgesamt ziemlich gut“. Die stellvertretende Verbandschefin Stefanie Stoff-Ahnis sagte: „Die Versorgung durch Apotheken ist nicht weniger geworden, sondern hat sich durch die Entscheidung der Apothekeninhaber auf weniger Standorte konzentriert.“
Der Umsatz steige allein aufgrund steigender Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Kassen Jahr für Jahr, erläuterte Stoff-Ahnis. „Da ein Teil der Apotheken-Vergütung an den Medikamentenpreisen hängt, steigt auch die Vergütung der Apotheken laufend an.“ Die Summe aus Beitragszahlern stieg von 5,6 Milliarden Euro 2013 auf 7,1 Milliarden Euro 2024 – ein Plus von 26 Prozent.
Kostensteigerungen belasten Apotheken
Der Apothekerverband sprach dagegen von einem alarmierenden Bild. Seit 2013 hätten sich die Tarifgehälter der Beschäftigten um 39 Prozent erhöht. Dazu kämen gestiegene Ausgaben für Energie und Mieten. „Dieses Auseinanderklaffen von Kosten und Einnahmen können wir schon lange nicht mehr schultern“, sagte Hubmann. Zudem wanderten pharmazeutische Fachkräfte zunehmend in Kliniken, Industrie und zu Kassen ab, wo höhere Gehälter gezahlt würden.
Umsatzentwicklung 2025
Laut Apothekenwirtschaftsbericht stieg der Umsatz im vergangenen Jahr auf 74,2 Milliarden Euro nach 70,3 Milliarden Euro im Vorjahr. Abgesetzt wurden 1,37 Milliarden Medikamentenpackungen, davon 40,7 Prozent rezeptfrei. Eine durchschnittliche Apotheke kam 2025 auf ein Betriebsergebnis von 168.000 Euro nach 162.000 Euro 2024. Sieben Prozent der Apotheken schrieben Verluste. Die Beschäftigtenzahl sank von 162.186 auf 159.484.
Protest gegen Sparpläne
Die Branche kritisiert geplante Ausgabenbremsen durch das Spargesetz der schwarz-roten Koalition. Höhere Preisabschläge und ein erhöhter Erklärungsaufwand bei Patienten, wenn Zuzahlungen pro Packung von 5-10 Euro auf 7,50-15 Euro steigen, werden befürchtet. Auch die Pharmaindustrie macht Front gegen die Sparpläne. Der Verband forschender Pharma-Unternehmen kritisierte, sie unterliefen das Ziel, Pharma als Schlüsselbranche zu stärken. Künftig würden Investitionen und Jobs ins Ausland verlagert. Der Kassen-Spitzenverband betonte dagegen, die Industrie verdiene glänzend an hohen Medikamentenausgaben, die von Beitragszahlern finanziert werden. Die Regierung habe Sparvorgaben für Pharmakonzerne weniger verschärft als von einer Expertenkommission empfohlen.



