Mit 100 Jahren noch an der Beinpresse: Rudolf Götz inspiriert als Fitness-Vorbild
100-jähriger Rudi: Fitness-Star im Studio

Mit 100 Jahren noch an der Beinpresse: Rudolf Götz inspiriert als Fitness-Vorbild

Mühelos bewegt der 100-jährige Rudolf Götz die Gewichte am Bauchtrainer auf und ab. Routiniert drückt er auch die 40 Kilogramm an der Beinpresse vor und zurück, ohne dass etwas knackt oder schmerzt. „Manch anderer im Alter von 50 oder 60 würde bei diesen Gewichten bereits stöhnen“, sagt Trainer und Fitnessstudio-Inhaber Marc Baldow lachend, während er seinem ältesten Mitglied über die Schulter schaut.

Zweimal wöchentliches Training ohne Umziehen

Zweimal pro Woche absolviert der Rentner im Fürstenwalder Vitalcenter in Brandenburg sein Zirkeltraining – ohne großes Aufheben. Das Umziehen spart er sich, „Rudi“, wie ihn hier alle nennen, steigt direkt in Pullover oder Hemd an die Geräte und trainiert etwa eine Stunde lang. Er ist in der Region bereits eine kleine Berühmtheit, die „Märkische Oderzeitung“ bezeichnete seine Geschichte als „unglaublich“.

Erst mit Anfang 90 im Fitnessstudio begonnen

Erst vor neun Jahren hat Rudolf Götz mit dem Training begonnen. „Ich fühlte mich schwach. Meine Beine wollten nicht mehr so wie früher“, erzählt er. Ein Werbeflyer brachte ihn schließlich ins Studio. Der Anfang sei schwer gewesen, doch nach und nach sei es besser geworden, berichtet Götz, der eigenen Worten zufolge weder gesundheitliche Beschwerden noch künstliche Gelenke hat. „Nur der Blutdruck ist etwas zu niedrig“, fügt er hinzu.

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Wie wichtig Kraft im Alter ist, bestätigt auch Trainer Baldow. „Die Beine müssen einen tragen können. Wenn das nicht mehr gegeben ist, beginnt eine gefährliche Abwärtsspirale“, erklärt er mit Blick auf Sturzrisiken und Knochenbrüche. Es lohne sich, auch im hohen Alter mit dem Training zu beginnen. „Es kommt immer häufiger vor, dass Menschen mit 70 oder 80 Jahren hier starten“. Auch bei Ärzten steige das Bewusstsein dafür, wie hilfreich gezieltes Training sein kann, berichtet Baldow, der gezielt auch Menschen ab 60 anspricht.

Weitere inspirierende Beispiele aktiver Senioren

Dass Alter und Aktivität hervorragend zusammenpassen, zeigen auch andere beeindruckende Beispiele:

  • Johanna Quaas aus Halle, die „Turn-Oma“, gilt laut Guinness-Buch als älteste Turnerin der Welt und feierte 2025 ihren 100. Geburtstag.
  • Die 86-jährige „Fitness-Oma“ Erika Rischko aus Langenfeld inspiriert viele Menschen in den sozialen Medien.
  • In Berlin zählt Gisela Raff mit 106 Jahren zu den ältesten aktiven Sportlerinnen. Sie trainiert regelmäßig im Sport-Gesundheitspark Berlin, einem Verein, der sich auf Angebote für ältere Menschen spezialisiert hat. „Das Durchschnittsalter unserer Mitglieder liegt bei etwa 70 Jahren“, sagt Sportwissenschaftler Marcel Werner vom Verein.

WHO-Empfehlungen und die Realität in Deutschland

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt Erwachsenen mindestens 150 Minuten moderate Ausdaueraktivität pro Woche oder alternativ 75 Minuten intensivere Bewegung. Zusätzlich sollten an zwei Tagen die Muskeln gezielt gekräftigt werden. Doch die Realität in Deutschland sieht anders aus:

  1. Nur 43 Prozent der 65- bis 79-Jährigen erfüllen die Ausdauerempfehlung.
  2. Bei den über 80-Jährigen sind es lediglich 25 Prozent.
  3. Für die Muskelkräftigung liegen die Werte mit 22 Prozent beziehungsweise 10 Prozent noch deutlich niedriger.

Diese Zahlen stammen aus der Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell“ aus dem Jahr 2024.

Spezielle Angebote für Senioren in Fitnessstudios und Vereinen

Rund 1,1 Millionen Menschen über 60 sind in Fitnessstudios angemeldet, wie der Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (DSSV) mitteilt. In Sportvereinen sind es laut Deutschem Olympischen Sportbund (DOSB) sogar mehr als fünf Millionen. Der DOSB verweist auf zahlreiche Angebote, die über die App „Bewegungslandkarte“ leicht zu finden sind – darunter viele speziell für Menschen über 70.

Auch Fitness- und Gesundheitsanlagen reagieren auf die wachsende Zielgruppe. Laut DSSV-Sprecher Alexander Wulf zeichnen sich ihre Programme durch niedrige Einstiegshürden, angepasste Intensitäten, eine hohe Betreuungsdichte und kleine Gruppen aus.

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Individuelle Trainingsansätze statt pauschaler Empfehlungen

Pauschale Trainingsempfehlungen seien nicht sinnvoll, betont Sportwissenschaftler Werner. „Ein 60-Jähriger heute ist nicht mehr derselbe wie vor 20 oder 30 Jahren. Manche 80-Jährige sind so fit, dass sie Sportwissenschaftler in die Tasche stecken könnten“, sagt er. Grundsätzlich seien im Alter vor allem Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und koordinative Fähigkeiten wie Gleichgewicht oder Orientierung entscheidend.

Wichtig sei auch, die verschiedenen Muskelgruppen in der richtigen Balance zu trainieren und diese vor und nach dem Training ausgiebig zu dehnen, erklärt Trainer Baldow.

Die Bedeutung der Zielgruppe 60+ für die Fitnessbranche

Für die Fitness- und Gesundheitsbranche ist die Altersgruppe 60 plus laut DSSV-Sprecher Wulf längst zentral, doch als Zielgruppe noch nicht vollständig ausgeschöpft. Dabei könne regelmäßige Bewegung viel bewirken. „Viele Best Ager erleben, dass sie durch regelmäßige Bewegung nicht nur körperlich stärker und beweglicher werden, sondern auch neues Vertrauen in den eigenen Körper gewinnen – oft mit spürbar mehr Lebensqualität, Selbstständigkeit und Freude am Alltag, selbst im hohen Alter“, betont er.

Persönliche Erfahrungen und Gemeinschaftsgefühl

Eine Erfahrung, die auch der 100 Jahre alte Rudolf Götz macht: Er fühlt sich nach neun Jahren Training deutlich gestärkter. „Im Anschluss gehe ich immer geschmeidig nach Hause“, sagt er. Das Fitnessstudio biete zudem eine gute Gemeinschaft: „Es hat sich herumgesprochen, dass ich Pastor bin. Manche schütten mir auch ihr Herz aus“. Über seine Anwesenheit freuen sich viele: Immer wieder wird er umarmt und herzlich begrüßt.

„Rudi ist ein großes Vorbild für uns alle“, sagt etwa Jule von Alvensleben, die mit 52 Jahren mit dem Training begonnen hat. „Man kann auch mit über 50 noch Klimmzüge lernen“, so die engagierte Freizeitsportlerin.

Auch mit 100 Jahren noch aktiv als Pastor

Früher, in jungen Jahren, sei er regelmäßig joggen gegangen, doch später seien die Tage zu ausgefüllt gewesen für regelmäßigen Sport, erzählt Götz. „Mein Schreibtisch war immer voll mit Arbeit, es gab Anrufe, Religionsunterricht, Krankenbesuche, Gottesdienste“, so der Pastor einer evangelischen Freikirche, der noch immer einmal monatlich auf der Kanzel steht. „Auch dort sage ich den Menschen, dass sie sich viel bewegen sollten, denn dafür ist es niemals zu spät“.