Mit 100 Jahren an der Beinpresse: Rudi ist der Star im Fitnessstudio
Rudolf Götz, ein Jahrhundert alt, bewegt mühelos Gewichte am Bauchtrainer und drückt routiniert 40 Kilogramm an der Beinpresse. Zweimal pro Woche absolviert der Rentner im Vitalcenter Fürstenwalde in Brandenburg sein Zirkeltraining, direkt im Pullover oder Hemd, ohne großes Aufheben. Trainer Marc Baldow lacht: "Manch anderer mit 50 oder 60 würde bei diesen Gewichten schon stöhnen." Rudi, wie ihn alle nennen, ist in der Region eine kleine Berühmtheit, die "Märkische Oderzeitung" nannte seine Geschichte "unglaublich".
Der späte Start mit über 90 Jahren
Erst vor neun Jahren, mit Anfang 90, begann Götz mit dem Training. "Ich fühlte mich schwach, die Beine wollten nicht mehr so", erzählt er. Ein Werbeflyer brachte ihn ins Studio. Der Anfang war schwer, doch es wurde besser. Götz hat weder gesundheitliche Beschwerden noch künstliche Gelenke, nur der Blutdruck ist etwas zu niedrig. Baldow betont die Bedeutung von Kraft im Alter: "Die Beine müssen einen tragen, sonst beginnt eine Abwärtsspirale mit Sturzrisiken und Knochenbrüchen." Es lohne sich, auch im hohen Alter anzufangen, und Ärzte würden zunehmend die Vorteile erkennen.
Weitere Vorbilder: Turn-Oma und Fitness-Oma
Andere Beispiele zeigen, dass Alter und Aktivität gut zusammenpassen. Johanna Quaas aus Halle, die "Turn-Oma", gilt laut Guinness-Buch als älteste Turnerin der Welt und feierte 2025 ihren 100. Geburtstag. Die 86-jährige "Fitness-Oma" Erika Rischko aus Langenfeld inspiriert viele in sozialen Medien. In Berlin zählt Gisela Raff mit 106 Jahren zu den ältesten aktiven Sportlerinnen und trainiert regelmäßig im Sport-Gesundheitspark Berlin, einem Verein mit Angeboten für ältere Menschen. Sportwissenschaftler Marcel Werner sagt: "Das Durchschnittsalter liegt bei etwa 70 Jahren."
WHO-Empfehlungen und die Realität
Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt Erwachsenen mindestens 150 Minuten moderate Ausdaueraktivität pro Woche oder 75 Minuten intensivere Bewegung, plus Muskelkräftigung an zwei Tagen. Doch die Studie "Gesundheit in Deutschland aktuell" aus 2024 zeigt: Nur 43 Prozent der 65- bis 79-Jährigen erfüllen die Ausdauerempfehlung, bei den über 80-Jährigen sind es 25 Prozent. Für Muskelkräftigung liegen die Werte bei 22 bzw. 10 Prozent.
Spezielle Angebote für Senioren
Rund 1,1 Millionen Menschen über 60 sind in Fitnessstudios angemeldet, laut Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (DSSV). In Sportvereinen sind es über fünf Millionen, berichtet der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB). Viele Angebote, speziell für Menschen über 70, sind über die App "Bewegungslandkarte" leicht zu finden. DSSV-Sprecher Alexander Wulf erklärt: Programme zeichnen sich durch niedrige Einstiegshürden, angepasste Intensitäten, hohe Betreuungsdichte und kleine Gruppen aus.
Individuelle Trainingsansätze
Sportwissenschaftler Werner betont, pauschale Empfehlungen seien nicht sinnvoll. "Ein 60-Jähriger heute ist nicht mehr derselbe wie vor 20 oder 30 Jahren. Manche 80-Jährige sind so fit, dass sie Sportwissenschaftler in die Tasche stecken." Im Alter seien Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und koordinative Fähigkeiten wie Gleichgewicht entscheidend. Trainer Baldow ergänzt: Wichtig sei, Muskelgruppen in Balance zu trainieren und vor und nach dem Training zu dehnen.
Bedeutung der Zielgruppe 60 plus
Für die Fitness- und Gesundheitsbranche ist die Altersgruppe 60 plus laut DSSV-Sprecher Wulf zentral, aber noch nicht ausgeschöpft. Regelmäßige Bewegung könne viel bewirken: "Viele Best Ager gewinnen neues Vertrauen in den eigenen Körper, mit mehr Lebensqualität, Selbstständigkeit und Freude am Alltag." Götz bestätigt: Nach neun Jahren Training fühlt er sich gestärkter. "Im Anschluss gehe ich immer geschmeidig nach Hause." Das Studio sei eine gute Gemeinschaft, wo er als Pastor auch Herzen hört. Jule von Alvensleben, 52, sagt: "Rudi ist ein großes Vorbild. Man kann auch mit über 50 noch Klimmzüge lernen."
Pastor Götz: Bewegung ist nie zu spät
Früher ging Götz joggen, später waren die Tage zu ausgefüllt für regelmäßigen Sport. "Mein Schreibtisch war immer voll mit Arbeit, Anrufen, Religionsunterricht, Krankenbesuchen, Gottesdiensten", so der Pastor einer evangelischen Freikirche, der noch monatlich auf der Kanzel steht. "Auch dort sage ich den Menschen, dass sie sich viel bewegen sollten, denn dafür ist es nie zu spät."



