Der Extremläufer Arda Saatçi (28) lief fünf Tage lang durch die USA, legte 600 Kilometer zurück – von Badwater Basin durch das Death Valley bis nach Santa Monica ans Meer. Millionen Menschen verfolgten das Spektakel. Doch was macht so ein Lauf mit dem Körper?
Herz-Kreislauf-System unter massivem Stress
„Das ist fernab jeder gesunden Belastung“, sagt der Kardiologe Dr. med. Christopher Schneeweis über Saatçis Wüstenlauf. Für ihn steht fest: Das Herz-Kreislauf-System gerät unter massiven Stress. Auch Sportmediziner Enrico Zessin ist beeindruckt – und gleichzeitig besorgt. „600 Kilometer unter diesen extremen Bedingungen sind unbeschreiblich stark“, sagt er. Gleichzeitig habe sich bei Saatçi ein Energiedefizit von mehreren Tausend Kilokalorien aufgebaut.
Körper baut Substanz ab
Selbst mit regelmäßiger Nahrungsaufnahme lässt sich der enorme Energiebedarf nicht decken. Statt zu regenerieren, schaltet der Körper in einen Abbau-Modus. Der Fachbegriff lautet kataboler Muskelzustand. Laut Zessin kommt es dabei „zu einem deutlichen Verlust von Proteinen, Mineralien und der Fettmasse“. Auch Muskulatur wird abgebaut, die Kraft schwindet. In Muskeln, Sehnen und Gelenken entstehen Mikroverletzungen. Das Risiko für Knorpel und Knochenschäden steigt. Knie und Sprunggelenk leiden besonders. Dazu kommen schmerzhafte Krämpfe.
Herzrhythmusstörungen drohen
Flüssigkeitsverlust und ein gestörter Mineralstoffhaushalt bringen den Herzrhythmus durcheinander. Laut Schneeweis drohen „Herzrhythmusstörungen, teilweise auch durch Elektrolytverschiebungen bis hin zu sehr schwerwiegenden Herzrhythmusstörungen“. Die Hitze verschärfte das Risiko zusätzlich. Der Kardiologe betont: „Man kann nur hoffen, dass der Läufer medizinisch vorher gut durchgecheckt wurde.“
Reine Intensität moderat – die Dauer machts
Sportwissenschaftler Enrico Zessin ordnet die reine Intensität eines Ultramarathons mit einer sehr langsamen Durchschnittsgeschwindigkeit, wie Saatçi sie lief, für das Herz als „moderat“ ein. Aber: Über viele Stunden und Tage summiert sich diese Belastung. Unter anderem pumpt das Herz bei jedem einzelnen Herzschlag weniger Blut aus den Herzkammern in den Kreislauf als normal.
Langfristige Folgen unklar
Ein weiterer kritischer Aspekt ist der Schlafmangel mit all seinen Folgen: Leistungsabfall, Bewegungsparkpräzision und Koordination leiden. Das Verletzungs- und Sturzrisiko ist deutlich erhöht. Das Stresshormon Cortisol steigt, der Körper kann sich schlechter reparieren, die Abwehrkräfte schwächeln. Power Naps von etwa 90 Minuten, wie sie auch Saatçi umgesetzt hat, können diese Effekte immerhin „etwas abschwächen“, sagt Zessin. Der Mediziner prognostiziert, dass Saatçi in den ersten Tagen nach seinem Lauf besonders infektanfällig sein wird. Dann heißt es: Schlaf nachholen und Erholung durch aktive Regeneration. Langfristige Folgen solcher Extrembelastungen sind bislang nicht geklärt. Zu dem Thema gibt es noch keine Langzeitstudien.



