Adipositas-Experte warnt vor globaler Epidemie mit dramatischen Folgen
Der Präsident der Welt-Adipipositas-Gesellschaft, Dr. Bruno Halpern, hat in einem exklusiven Interview mit BILD eine eindringliche Warnung ausgesprochen. Aktuell leben weltweit mehr als eine Milliarde Menschen mit der chronischen Erkrankung Adipositas, dem krankhaften Übergewicht. Die Prognosen sind alarmierend: „Es gibt Berechnungen, dass in zehn Jahren die Hälfte der Menschheit entweder mit Übergewicht oder Adipositas leben wird“, erklärt der 42-jährige Brasilianer. Noch bedrohlicher ist seine Einschätzung zur Mortalität: „Wenn wir nicht entschlossen handeln, könnte sich diese Krankheit zur Todesursache Nummer eins entwickeln.“
Eine unterschätzte chronische Erkrankung mit fatalen Konsequenzen
Medizinisch liegt Adipositas vor, wenn der Body-Mass-Index einen Wert von mindestens 30 erreicht. Dr. Halpern betont jedoch, dass es sich dabei keineswegs um eine persönliche Entscheidung oder einen Lifestyle-Fehler handelt. „Adipositas ist eine chronische Krankheit mit starker genetischer Grundlage“, stellt er klar. Die Erkrankung verändere nachweislich sogar das Gehirn und werde durch gestörte Fettstoffwechselvorgänge mitverursacht. Dennoch werde sie in der Gesellschaft und oft auch im Gesundheitssystem nicht angemessen als Erkrankung anerkannt.
Die Folge dieser Fehleinschätzung ist gravierend: „Viele Betroffene weltweit erhalten keine adäquaten Behandlungen“, kritisiert Halpern. Stattdessen würden ihnen weiterhin Schuldzuweisungen gemacht und der irreführende Rat gegeben, sie müssten einfach weniger essen und sich mehr bewegen. Dabei ist die medizinische Realität komplexer. Der Experte erläutert: „Man stirbt normalerweise nicht direkt an Adipositas selbst, sondern an ihren Komplikationen.“ Mehr als 200 Folgeerkrankungen lassen sich auf das krankhafte Übergewicht zurückführen.
Verbindung zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs
Dr. Halpern ordnet die globale Bedrohung präzise ein: „Wenn wir bedenken, dass die derzeitigen Haupttodesursachen weltweit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs sind, und beide stark mit Adipositas zusammenhängen, dann ist sie schon jetzt Ursprung für viele Todesfälle.“ Diese Verbindung unterstreicht die Dringlichkeit, Adipositas nicht länger als kosmetisches Problem, sondern als ernsthafte medizinische Herausforderung zu behandeln.
Hochverarbeitete Lebensmittel als Treiber der Epidemie
Ein zentraler Faktor für die rasante Ausbreitung von Adipositas ist laut dem Experten die gesteigerte Verfügbarkeit von hochverarbeiteten Lebensmitteln in westlichen Ländern. Diese Produkte seien oft sehr kalorienreich, nährstoffarm und würden den Körper nicht ausreichend nähren. Studien hätten gezeigt, dass selbst bei gleicher Kalorienzahl der Konsum einer tiefgekühlten Fertig-Bolognese im Vergleich zu einer selbst gekochten Variante zu einer stärkeren Gewichtszunahme führe.
„Deshalb ist ein wichtiger Ansatz, um die Krankheit zu bekämpfen, die Veränderung des Ernährungssystems“, betont Dr. Halpern nachdrücklich. „Das müssen wir energisch angehen.“ Nur durch umfassende Maßnahmen in der Lebensmittelproduktion, Aufklärung und medizinischen Versorgung könne die drohende Entwicklung aufgehalten werden. Das Interview fand in London beim „Weight Talk“-Summit des Pharmaunternehmens Novo Nordisk statt, wo internationale Experten über Strategien gegen die Adipositas-Epidemie berieten.



