Die Schauspielerin Julia Riedler zählt zu den derzeit interessantesten Darstellerinnen Deutschlands. In einem Interview mit dem SPIEGEL spricht sie über ihre Erfahrungen mit Scham auf der Bühne und erklärt, warum sie Nacktheit im Theater weder anstößig noch aufregend findet. „In meinem Alltag fühle ich mich wesentlich mehr allein als im Theater“, sagt die 34-Jährige, die aktuell in der Rolle der „Fräulein Else“ zu sehen ist.
Nacktheit als künstlerisches Mittel
Riedler betont, dass Nacktheit für sie ein natürlicher Bestandteil der Theaterarbeit sei. „Es geht nicht um Provokation, sondern um die Wahrhaftigkeit der Darstellung“, erklärt sie. Die Scham, die viele Menschen mit Nacktheit verbinden, habe sie schon früh überwunden. „Auf der Bühne bin ich nicht ich, sondern die Figur. Da hat Nacktheit eine andere Bedeutung.“
Einsamkeit im Alltag
Überraschend offen spricht die Schauspielerin über ihre Gefühle abseits der Bühne. „Im Theater bin ich umgeben von einem Team, von Kollegen, von Energie. Aber wenn ich nach Hause komme, ist es oft still.“ Diese Diskrepanz zwischen dem intensiven Gemeinschaftserlebnis auf der Bühne und der Stille des Privatlebens empfinde sie manchmal als schwierig. „Man lernt, damit umzugehen, aber es bleibt eine Herausforderung.“
Kritik an der Bewertung weiblicher Nacktheit
Riedler kritisiert, dass weibliche Nacktheit auf der Bühne oft anders bewertet werde als männliche. „Wenn eine Schauspielerin sich auszieht, wird das schnell als hysterischer Akt abgestempelt. Bei Männern ist es eher ein Zeichen von Mut oder Kunstfertigkeit.“ Diese Doppelmoral müsse überwunden werden. „Theater ist ein Ort der Freiheit, und dazu gehört auch die körperliche Freiheit.“
Die Schauspielerin hofft, dass ihr Interview dazu beiträgt, das Thema Nacktheit im Theater zu enttabuisieren. „Es geht nicht um Exhibitionismus, sondern um die Geschichte, die wir erzählen. Wenn Nacktheit der Figur dient, ist sie legitim.“



