Miethühner erobern deutsche Pflegeheime und Schulen
Ob Streicheln, Füttern oder Eiersammeln: In Pflegeheimen und Bildungseinrichtungen bringen Miethühner eine willkommene Abwechslung in den Alltag. Doch nicht alle sind von diesem ungewöhnlichen Konzept überzeugt.
Landleben im Pflegeheim-Garten
Im thüringischen Pflegeheim Landhaus Mildaer Hof in Milda gackern seit kurzer Zeit fünf Miethühner im Garten. Für den 77-jährigen Dieter Schmidt, der früher selbst über 60 Hühner hielt, ist die schwarze Maran-Henne Cragi zum neuen Liebling geworden. „Die wollen vor allem das Grünfutter“, erzählt er begeistert und hilft abends beim Einsperren der Tiere. Am Wochenende genießen die Bewohner Kuchen, der mit selbst gesammelten Eiern gebacken wurde.
Die stellvertretende Einrichtungsleiterin Anna-Maria Fischer berichtet von durchweg positiven Rückmeldungen: „Einige Bewohner haben depressive Phasen, denen hilft der Umgang mit den Tieren.“ Manche setzen sich einfach auf eine Bank und beobachten die Hühner, andere helfen aktiv bei der Fütterung. Das Wohl der Vögel ist zum großen Gesprächsthema unter den Senioren geworden.
Deutschlandweiter Trend zur mobilen Geflügelhaltung
Das Konzept Miethuhn hat sich inzwischen bundesweit etabliert. Von Schleswig-Holstein bis Südbayern bieten verschiedene Anbieter Hühner zur Miete für private Gärten, Schulen und Pflegeheime an. Jutta van der Linde, Geschäftsführerin des Bundesverbands mobile Geflügelhaltung, erklärt: „Ein klarer Trend ist nicht zu beobachten, aber es gibt Betriebe, die sich komplett darauf spezialisieren.“ Das Ziel sei, ein Verständnis für artgerechte Hühnerhaltung zu vermitteln.
Ralf-Wigand Usbeck gehört zu den Pionieren dieser Branche. Seit zehn Jahren vermietet er Hühner auf Zeit und beobachtet eine stetig wachsende Nachfrage. „Die Kunden sind neben Schulen und Seniorenheimen immer öfter Privatpersonen, die testweise Hühner halten wollen“, berichtet er. Viele wollten sich einfach ein Stück Landleben in den Garten holen.
Neue Anbieter mit ganzheitlichem Konzept
Matthias und Lina Angrick aus Gera sind relativ neu in diesem Geschäft. Seit Herbst vermieten sie ihre zehn Hühner an Kindergärten, Pflegeheime und Privatpersonen. „Es geht auch um Verantwortungsbewusstsein“, erklärt Matthias Angrick. Kinder lernten im Umgang mit den Tieren, dass diese regelmäßige Zuwendung benötigen.
Das Paar liefert nicht nur die Hühner, sondern auch ein artgerechtes Hühnerhaus und eine große Voliere mit festem Dach. Diese Ausstattung sei besonders wichtig bei möglichen Vogelgrippe-Ausbrüchen. Die Vermietung erfolgt nur im Umkreis von etwa einer halben Stunde, um lange Transporte zu vermeiden. „Das Hühnerhaus ist ihr Zuhause“, betont Lina Angrick. Die Tiere schliefen immer im selben Häuschen, sodass Standortwechsel kein großes Problem darstellten.
Tierschützer äußern Bedenken
Der Deutsche Tierschutzbund steht dem Trend zur Hühnervermietung kritisch gegenüber. Annika Lange vom Tierschutzbund warnt: „Ständige Umgebungswechsel bedeuten für territoriale Tierarten wie Hühner Stress.“ Es müsse sichergestellt sein, dass die Tiere beim Mieter artgerecht behandelt werden. Besonders kritisch sei die Situation, wenn Laien ohne Haltungserfahrung die Tiere mieten. Die Frage, ob Mieter Krankheiten rechtzeitig erkennen könnten, bleibe offen.
Regulierung und Qualitätssicherung
Vermieter betonen, dass ihre Konzepte in enger Abstimmung mit lokalen Veterinärämtern entwickelt werden. Oft gibt es Mindestmietdauern von 14 Tagen, wie beim Hof Spinne in Selm (Nordrhein-Westfalen). Petra Balster-Spinne erklärt: „Das ist wichtig, damit die Tiere keinem Stress ausgesetzt sind.“ Neben artgerechten Ställen und Zubehör erhalten die Mieter ausführliche fachliche Einweisungen.
Ralf-Wigand Usbeck berichtet von veränderten Rahmenbedingungen: „Früher gab es kaum Auflagen, inzwischen existieren etliche gesetzliche Vorgaben.“ Dies habe dazu geführt, dass einige Anbieter aus dem Geschäft ausgestiegen seien. Verbandschefin van der Linde bestätigt, dass manche Betriebe die Vermietung „nicht ins Laufen“ gebracht hätten. In Kitas oder Schulen gebe es teilweise Ablehnung, weil unklar sei, wer sich am Wochenende um die Tiere kümmere.
Positive Erfahrungen überwiegen
Im Landhaus Mildaer Hof stellen sich solche Probleme nicht ein. Anna-Maria Fischer würde die Tiere jederzeit wieder in ihre Einrichtung holen. Auch Dieter Schmidt hat die Hühner ins Herz geschlossen, auch wenn er noch kein Lieblingshuhn identifiziert hat. Seine langjährige Erfahrung mit Geflügel kommt dennoch gelegentlich zum Tragen: „Gestern Abend wollten sie partout nicht in den Stall. Da musste ich sie reinjagen“, erzählt er mit einem Lächeln. Die Miethühner haben sich als Bereicherung für den Pflegeheimalltag erwiesen und bringen ein Stück Landleben in den institutionellen Garten.



