Abschied von der DDR-Moderne: Abriss der Neubrandenburger Wohnscheibe beginnt
Abriss der Neubrandenburger Wohnscheibe beginnt

Abschied von der DDR-Moderne: Abriss der Neubrandenburger Wohnscheibe beginnt

Fast sechs Jahrzehnte lang prägte die sogenannte "Wohnscheibe" das Stadtbild von Neubrandenburg. Nun stehen die letzten Tage des markanten Plattenbau-Hochhauses in der Waagestraße bevor. Der Nordkurier hat das Gebäude vor dem endgültigen Verschwinden noch einmal besucht und dokumentiert den Zustand kurz vor dem Abriss.

Traumhafter Ausblick geht verloren

In 30 Metern Höhe bot sich den Bewohnern ein beeindruckender Panoramablick über die Neubrandenburger Innenstadt. Hunderte Menschen haben über die Jahrzehnte diese Aussicht genossen. Heute hallen jedoch nur noch Schritte durch leere Flure: Türen fehlen, Tapetenreste hängen von den Wänden, Betonstaub liegt in der Luft und im Keller tropft Wasser hinter schweren Türen. Dieses Szenario wird bald der Vergangenheit angehören.

Abriss nach neun Jahren Planung

Nach zahlreichen Verzögerungen ist es endlich soweit: In der zweiten Märzwoche 2026 soll die erste Platte des markanten Gebäudes fallen. Kay Reinders, Projektleiter bei der Neubrandenburger Wohnungsgesellschaft (Neuwoges), erklärt: "Zuvor wird noch die Dachdecke Stück für Stück abgetragen." Damit wird umgesetzt, was die Stadtvertretung bereits vor mehr als neun Jahren beschlossen hatte: die Beseitigung eines "städtebaulichen Missstandes" im Herzen der Innenstadt.

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Diese Formulierung fand bereits kurz nach der Wende Eingang in den Städtebaulichen Rahmenplan und leitete rund ein Vierteljahrhundert später den Abriss des Hochhauses ein. Der Rückbau erfolgt genau wie der Aufbau: Platte für Platte. Die beauftragte Berliner Spezialfirma plant zunächst etwa vier Wochen pro Etage, später könnte es schneller gehen. Bis August soll das Haus verschwunden und spätestens im Dezember alles aufgeräumt sein.

Materialverwertung und Nachnutzung

Für die Anwohner in den umliegenden Gebäuden bedeutet der Abriss vor allem Lärm durch Presslufthämmer, schwebende meterlange Betonplatten vor den Fenstern und regelmäßig vollbeladene LKW. Das Material des einstigen sozialistischen Prestigeobjekts wird in kleinste Stücke zermahlen und später im Wege- und Straßenbau als Frostschutz oder Tragschicht verwendet. Lediglich die Fenster können noch wiederverwendet werden.

An der Stelle der "Wohnscheibe" - die ihren Namen ihrer breiteren als höheren Bauform verdankt - soll 2028 ein neues Wohn- und Geschäftshaus entstehen. In L-Form wird sich der Neubau an die bestehenden Gebäude in der Treptower und Kleinen Wollweberstraße anschließen. Was von der Wohnscheibe bleibt, sind vor allem die Erinnerungen und Anekdoten der Menschen, die hier gelebt haben.

Kulturelles Erbe und persönliche Geschichten

Der überragende Ausblick aus den oberen Etagen geht den Neubrandenburgern verloren. Doch das Gebäude lebt in der Literatur weiter: In ihrem neuen Roman "Wer möchte nicht im Leben bleiben" thematisiert Helene Bukowski den Fall einer jungen Pianistin, die sich 1985 in Neubrandenburg das Leben nahm. Da das Hochhaus Waagestraße als Wohn- und Sterbeort eine wichtige Rolle spielt, hat sich die Schriftstellerin vor dem Abriss bei Vor-Ort-Besuchen Inspiration geholt.

In den leergeräumten Fluren erinnern alte Tapeten noch an Einrichtungsmoden vergangener Zeiten. Typische Durchreichen zwischen Wohnzimmer und Küche ermöglichten einst schnelles Auf- und Abdecken bei Mahlzeiten. Die für Plattenbauten charakteristischen Glassteine zieren noch immer die Treppenhäuser.

Nur noch wenige Tage, dann schweben die ersten meterlangen Betonplatten an Kränen von der 11. Etage gen Boden. Ein Stück DDR-Moderne verschwindet damit endgültig aus dem Stadtbild Neubrandenburgs.

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