Abschied von der DDR-Moderne: Neubrandenburgs legendäre Wohnscheibe wird abgerissen
Abschied von der DDR-Moderne: Wohnscheibe wird abgerissen

Abschied von der DDR-Moderne: Neubrandenburgs legendäre Wohnscheibe wird abgerissen

Fast sechs Jahrzehnte lang prägte die sogenannte „Wohnscheibe“ das Stadtbild von Neubrandenburg. Nun steht das markante Hochhaus in der Waagestraße 2a und 2b vor seinem endgültigen Ende. Der Abriss des Plattenbaus beginnt in der zweiten Märzwoche 2026 und beendet damit eine Ära der DDR-Architektur im Herzen der Innenstadt.

Letzte Tage über den Dächern der Stadt

30 Meter über dem Boden bot die Wohnscheibe ihren Bewohnern einen traumhaften Blick über die Neubrandenburger Innenstadt. Doch jetzt hallen Schritte durch leere Flure: Türen fehlen, Tapetenreste hängen von den Wänden, Betonstaub wabert in der feuchten Luft. Im Keller tropft Wasser hinter schweren Türen. Dieses Szenario wird bald Geschichte sein, wenn Arbeiter in der 11. Etage beginnen, die Schweißnähte aufzuschneiden und ein Kran Platte für Platte abhebt, was 1966 im Wochentakt entstanden war.

Neun Jahre nach dem Beschluss wird gehandelt

Nach vielen Verzögerungen ist es endlich so weit: Die Wohnscheibe verschwindet. Kay Reinders, Projektleiter bei der Neubrandenburger Wohnungsgesellschaft (Neuwoges), erklärt, dass zunächst die Dachdecke Stück für Stück abgetragen wird, bevor die erste Platte fällt. Damit setzt die Neuwoges um, was die Stadtvertretung schon vor mehr als neun Jahren beschlossen hatte: die Beseitigung eines „städtebaulichen Missstandes“ im Herzen der Innenstadt.

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Diese Formulierung fand schon kurz nach der Wende Eingang in den Städtebaulichen Rahmenplan und leitete rund ein Vierteljahrhundert später den Abriss des Hochhauses ein. Der Abriss verläuft genau wie der Aufbau: Platte für Platte. Die beauftragte Berliner Spezialfirma plant zunächst etwa vier Wochen pro Etage, später könnte es schneller gehen. Bis August soll das Haus verschwunden sein, spätestens im Dezember soll alles aufgeräumt und für die Wiederbebauung hergerichtet sein.

Vom sozialistischen Prestigeobjekt zum Frostschutz

Die 55 Meter lange Wohnscheibe war in der DDR ein sozialistisches Prestigeobjekt. Jetzt wird das Material in kleinste Stücke zermahlen und findet später im Wege- und Straßenbau als Frostschutz oder Tragschicht Verwendung. Lediglich die Fenster können noch wiederverwendet werden – allerdings wohl nicht in dem Gebäude, das 2028 an dieser Stelle neu entstehen soll.

Für die Nachbarn in den umliegenden Wohn-, Geschäfts- und Ärztehäusern bedeutet der Abriss:

  • Presslufthammer-Lärm
  • schwebende meterlange Betonplatten vor den Fenstern
  • regelmäßig vollbepackte LKW, die das Material aus der Innenstadt transportieren

Neue Pläne für das Grundstück

Die Neuwoges plant an diesem Standort ein neues Wohn- und Geschäftshaus in L-Form, das sich direkt an die bestehenden Gebäude in der Treptower und Kleinen Wollweberstraße anfügen soll. Was von der Wohnscheibe bleibt, sind vor allem die vielen Erinnerungen und Anekdoten der Menschen, die hier gut und gerne gelebt haben.

Kulturelles Erbe und literarische Spuren

Der überragende Ausblick aus den oberen Etagen geht den Neubrandenburgern verloren. Doch eine eher tragische Geschichte wird weiterleben: In ihrem neuen Roman „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ hat Schriftstellerin Helene Bukowski den Fall einer jungen Pianistin thematisiert, die sich 1985 in Neubrandenburg das Leben genommen hat. Weil das Hochhaus Waagestraße als Wohn- und Sterbeort eine wichtige Rolle spielt, holte sich die Autorin dort vor dem Abriss bei Vor-Ort-Besuchen Inspiration.

In den leergeräumten Fluren erinnern alte Tapeten noch an Einrichtungsmoden vergangener Zeiten. Die für Plattenbauten typischen Glassteine zieren weiterhin die Treppenhäuser, und die charakteristischen Durchreichen zwischen Wohnzimmer und Küche zeugen von einer vergangenen Wohnkultur. Nur noch wenige Tage, dann schweben die ersten meterlangen Betonplatten am Kran von der 11. Etage gen Boden – und mit ihnen ein Stück DDR-Geschichte.

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