Rosenmontagszüge: Politische Satire erreicht ihren karnevalistischen Höhepunkt
Mit deutlichen politischen Botschaften und beißendem Spott haben die Narren am Rosenmontag Hunderttausende Menschen an die Straßen in den Karnevalshochburgen gelockt. Die großen Rosenmontagszüge in Köln, Düsseldorf und Mainz markierten den absoluten Höhepunkt der sogenannten fünften Jahreszeit, wobei insbesondere die Auseinandersetzung mit Russlands Präsident Wladimir Putin im Mittelpunkt stand.
Düsseldorfer Wagenbauer trotzt russischer Justizverfolgung
Der Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jacques Tilly lässt sich nicht durch die gegen ihn erhobene Anklage der russischen Justiz einschüchtern. Stattdessen schickte er gleich drei provokante Putin-Karikaturen auf den Zugweg durch Düsseldorf. Auf einem Motivwagen steuerte der Kremlchef eine blaue AfD-Drohne, während er auf einem anderen zusammen mit US-Präsident Donald Trump Europa verschlang.
Der dritte Putin-Wagen kommentierte die juristische Verfolgung Tillys direkt und zeigte einen grimmigen Putin, der einen kleinen Karnevalsnarren aufspießte. Dieser konterte jedoch harmlos mit einem Fächer. „Es ist ein Duell mit sehr ungleichen Waffen“, erläuterte Tilly die Szenerie. Auf der einen Seite stehe der mächtige russische Staat, auf der anderen Seite „unsere Waffe, das ist einfach nur die Satire“. „Die ist nur aus Pappe, die kann nicht töten“, betonte der Wagenbauer die friedliche Natur seiner Kunst.
Solidaritätsbekundungen aus Köln und Mainz
In Köln, traditionell dem Rivalen Düsseldorfs, zeigte man deutliche Solidarität mit dem verfolgten Wagenbauer. Karnevalspräsident Christoph Kuckelkorn ließ an seinem Wagen die kölsche Losung „Mer all sin Tilly“ (Wir alle sind Tilly) befestigen und fuhr damit durch die Stadt. „Was ihm da widerfahren ist, ist unsagbar, für uns nicht aushaltbar, und da ist natürlich auch ganz klar, dass wir zusammenstehen wie eine Wand“, erklärte Kuckelkorn die Geste der Unterstützung.
Mitglieder des ukrainischen Hilfsvereins Blau-Gelbes Kreuz liefen im Kölner Rosenmontagszug mit und zeigten Plakate mit früheren Putin-Satiren von Tilly. Auf einen eigenen Putin-Wagen verzichtete man in Köln jedoch bewusst. In Mainz war Putin optisch gar nicht vertreten, da man nach Angaben eines Sprechers des Mainzer Carneval-Vereins „eine gewisse Redundanz vermeiden“ wollte, nachdem er und sein Krieg gegen die Ukraine in den vergangenen Jahren bereits mehrfach Thema gewesen waren.
Weitere politische Persiflagen und karnevalistische Herausforderungen
Natürlich war nicht nur Putin Thema in den aufwändig gestalteten Zügen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) fand sich bei genauem Hinsehen mehrmals wieder:
- In Düsseldorf saß sein Konterfei zusammen mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und einem Lenkrad auf einem Dinoskelett – zu deuten als fossiler Verbrenner
- Die Kölner Karnevalisten zeigten ihn und Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) in Sadomaso-Outfits beim gegenseitigen Schmerzenbereiten
- In Mainz war ein Wagen gebaut worden, der Merz in einem schwarz-roten Boot voller Wasser darstellte
Weitere bemerkenswerte Persiflagewagen zeigten den toten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein in Düsseldorf als dämonische Pappmaché-Figur mit Hörnern und Flügeln, während ein Kölner Wagen US-Präsident Trump mit einem von Küssen etwa von „Merz“, „Macron“ und „Nato“ übersäten Gesäß präsentierte. In Mainz schoss Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) mit Pfeil und Bogen auf heranfliegende Drohnen, und weitere Wagen prangerten das iranische Mullah-Regime an.
Organisatorische Meisterleistung trotz widriger Bedingungen
In Köln setzte sich der größte Rosenmontagszug mit circa 11.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, 60 Kapellen und 21 Persiflagewagen am Vormittag in Bewegung. In Mainz startete der Zug pünktlich um 11.11 Uhr. Wie schon in den vergangenen Jahren sicherten Tausende Einsatzkräfte das bunte Treiben ab. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU), der selbst mit einer dicken Goldkette und Fellweste verkleidet in Köln auf einem Wagen mitfuhr, betonte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: „Ein Tag wie der Rosenmontag sei einerseits wunderschön und toll, andererseits aber auch immer mit großen Risiken verbunden und deswegen für die Polizei wahnsinnig anstrengend“.
Selbst heftiger Schneefall in der Nacht stoppte die Narren nicht. Die Kälte habe zwar zu kleinen Problemen geführt, sagte der Kölner Zugleiter Marc Michelske – man habe damit aber umgehen können. „Zwei Wagen sind heute Morgen nicht angesprungen. Da mussten die Starthilfe bekommen“, erklärte er die praktischen Herausforderungen des winterlichen Karnevals.



