Éric Besnards 'Les Misérables': Ein Kammerspiel mit unerwarteter Kinokraft
Besnards 'Les Misérables': Kammerspiel mit Kinokraft

Lehrstunde der Menschlichkeit: Éric Besnards Version von 'Les Misérables'

Volker Isfort | 03. April 2026 - 09:37 Uhr

Victor Hugos Monumentalwerk „Les Misérables“ beschäftigt das Kino seit den Anfängen der Filmgeschichte, mit einem Dutzend Verfilmungen allein aus der Stummfilmzeit. Dennoch gelingt Regisseur Éric Besnard ein origineller und erfrischender Zugang zu diesem berühmtesten Stoff der französischen Literatur. Er beschränkt sich bewusst auf den Anfang der Erzählung, was kaum ein Zehntel des ursprünglichen Textes ausmacht. So unvorstellbar es klingen mag: „Les Misérables“ ohne Fantine und Cosette, aber mit umso mehr emotionaler Tiefe.

Die Geschichte von Jean Valjean und Bischof Myriel

Jean Valjean, gespielt von Grégory Gadebois, verbüßte 19 Jahre Haft, weil er einen Laib Brot für die hungernden Kinder seiner Schwester stahl und mehrere Ausbruchsversuche unternahm. Durch Gewalt und Zwangsarbeit gezeichnet, ist er innerlich verroht und hat jegliches Vertrauen in die Menschlichkeit verloren. Als Außenseiter kommt er in ein kleines Dorf, doch niemand gewährt ihm Unterschlupf, nicht einmal gegen Bezahlung. Eine alte Frau schickt ihn im strömenden Regen zu Bischof Bienvenu Myriel, dargestellt von Bernard Campan.

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Myriel lebt mit seiner Schwester, gespielt von Alexandra Lamy, und einer Haushälterin, verkörpert von Isabelle Carré, in einem bescheidenen Haus, nachdem er seinen Palast zu einem Krankenhaus umgewidmet hat. Der Bischof ist der Inbegriff von Menschlichkeit und ignoriert alle Warnungen seiner Haushälterin vor der Gefährlichkeit des ungebetenen Gastes. Diese Szene setzt den Ton für eine ergreifende Charakterstudie.

Kammerspielatmosphäre mit opulenten Rückblenden

Bei aller Verknappung verlässt sich Éric Besnard nicht allein auf die kraftvolle Sprache Hugos und die herausragenden Leistungen seiner Schauspieler. Immer wieder bricht er die kammerspielartige Atmosphäre auf, indem er in opulent inszenierten Rückblenden die Schrecken des Straflagers eindrucksvoll darstellt. Diese visuellen Einschübe verleihen dem Film eine zusätzliche Dimension und unterstreichen die psychologischen Abgründe Valjeans.

Zudem thematisiert der Film die sexuelle Bedrohung, die Valjean für die Frauen im Haus des Bischofs darstellt, ein Aspekt, der in der Romanvorlage nicht explizit enthalten ist, aber die Spannung und Dramatik der Handlung verstärkt.

Die Kraft der Vergebung und des Gewissens

Wie bekannt, missbraucht Valjean die Güte seines Gastgebers, stiehlt das Silberbesteck des Bischofs und wird von der Polizei aufgegriffen. Doch Myriels unerschütterlicher Glaube daran, dass Menschen sich zum Guten wandeln können, bleibt bestehen. Er verzeiht Valjean nicht nur, sondern beschenkt ihn zusätzlich mit der Prämisse, fortan ein guter Mensch zu werden. Obwohl Valjean dies nicht sofort gelingt, meldet sich bald sein Gewissen zurück, was zu einer bewegenden inneren Entwicklung führt.

Es lohnt sich, den Film mit Untertiteln zu verfolgen, denn die volle Wirkkraft entfaltet das Werk durch einen mit viel Pathos auftrumpfenden Off-Erzähler, der die emotionale Tiefe der Geschichte unterstreicht. Éric Besnards Version von „Les Misérables“ ist ein Kammerspiel mit großer Kinokraft, das die zeitlosen Themen von Menschlichkeit, Vergebung und innerer Wandlung meisterhaft neu interpretiert.

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