Cannes 2026: Zwischen Arthouse und White Lotus – ein Festival der Gegensätze
Cannes 2026: Arthouse trifft White Lotus

Es geht auch ohne Hollywood: Neues aus Cannes. Auf den deutschen Beitrag „Vaterland“ folgt französische Erzählkunst mit „Histoires parallèles“ von Asghar Farhadi. Adrian Prechtel | 17. Mai 2026 - 14:38 Uhr

Ein Hauch von Hollywood in Cannes

Während alle auf Leinwände und Rote Teppiche starren, ist Cannes gerade auf etwas anderes stolz. Kino und Fernsehen können Tourismusbooms auslösen: „Die blaue Lagune“ mit Brooke Shields ruinierte im Nachgang eine Fidschi-Insel, „The Beach“ mit Leonardo DiCaprio den thailändischen Strand Maya Bay. Cannes mit seinen 70.000 Einwohnern muss sich da keine Gedanken mehr machen. Bereits seit Jahren besteht die Hälfte der Immobilien aus Zweitwohnsitzen. Nun wird dort – nach Hawaii, Sizilien und Thailand – rund 50 Drehtage lang die vierte Staffel der Superreichen-TV-Serien-Satire „White Lotus“ gedreht: 17.000 Übernachtungen für die Crew und Schauspieler im Raum Cannes, und das aufgefrischte Hotel Martinez an der Croisette bekommt die zentrale Rolle. Und weil das Festival du Film einen fantastisch aufgedreht glamourösen Hintergrund für zur Schau gestellten Reichtum und Exklusivität bildet, wird es aktuell auch live als Kulisse eingebaut. Auch wenn Kunstkino da sicher eher ausgeblendet wird.

Französische Erzählkunst: „Histoires parallèles“

Nach dem deutschpolnischen „Vaterland“ über die Familie Mann setzte auch Frankreich ein Highlight: mit einem Film des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi. Der drehte ein unpolitisches Drama. Eine Schriftstellerin (Isabelle Huppert), die ein bisschen ein Messie ist, bekommt durch tragikomische Verwicklungen einen jungen obdachlosen Mann in ihre Wohnung. Die selbst zieht Inspiration aus einer Wohnung gegenüber, die sie per Fernglas beobachtet. Der junge Mann spielt den Nachbarn das Skript vor – und es löst eine katalysatorische Kette aus, an deren Ende alles anders ist. Das alles hat so viele witzige Wendungen, dass ein echtes Psychogramm aller Figuren entsteht und man atemlos, amüsiert folgt, auch wenn das Geschehen gar nicht komisch angelegt ist. Natürlich ist „Histoires parallèles“ kein weltbewegendes Kino, aber große Erzähl- und Schauspielkunst.

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Der ewige Gärtner und andere Höhepunkte

Im nur für Akkreditierte zugänglichen Inneren des Palais du Festival geht es jetzt ins Zentralwochenende. Und weil heuer Hollywood-Mangel herrscht, können sich auch die Arthouse-Vertreter besser präsentieren – nachdem John Travolta sein Regiedebüt gezeigt hat: „Propeller One-Way Night Coach“ ist eine Hommage an den Zauber und Glamour des Fliegens in den 50er-Jahren aus der Sicht eines Jungen. Und einer der beiden US-Independentfilme des Wettbewerbs bringt doch noch Superstars nach Cannes: James Grays „Paper Tiger“ – mit Adam Driver und Scarlett Johansson. Die Österreicherin Marie Kreutzer hat für ihren Familienkrimi „Gentle Monster“ zwar Léa Seydoux in der Hauptrolle, aber auch Jella Haase am Roten Teppich dabei – und Catherine Deneuve. Volker Schlöndorff wurde zwar in die Nebenreihe „Cannes Première“ abgedrängt, aber Martina Gedeck, Lars Eidinger, Susanne Wolff und Ulrich Matthes spielen mit – wie auch Detlev Buck als ewiger Gärtner in einem Haus, anhand dessen deutsche Geschichte erzählt wird. Nach alledem wird sich auch rausgeschält haben, welche Stärken und Schwächen Cannes in diesem Jahr hat.

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