Von der Märchenplatte zum Tonstudio-Profi in Schwerin
Märchenplatte zu Tonstudio: Thomas Finks Weg

Es beginnt mit einer zerkratzten Märchenplatte. Thomas Fink ist fünf Jahre alt, als seine Mutter ihm zeigt, wie man eine Schallplatte auflegt. Aber dann landet die Nadel versehentlich auf den Beatles. Strawberry Fields Forever. Er wartet und denkt, gleich kommt das Märchen. Tut es nicht. Thomas ist sprachlos. In der Küche klappert die Mutter mit dem Geschirr. Er setzt die Kopfhörer auf und nimmt sie nie wieder richtig ab. Heute macht er Sounds selbst. In einem Tonstudio in Schwerin. Gebeugt übers Mischpult, über das seine Hände wie über Klaviertasten gleiten.

Tonstudio bietet Platz für kleines Orchester

Wer ein professionelles Tonstudio mit Weltklasse-Equipment sucht, muss nicht nach Hamburg oder Berlin fahren. Das hat auch Pingo Schlüter, Kopf der Band „Strafsache Dr. Schlüter“ festgestellt. Als er kürzlich sein neues Album rausbringen wollte, stieß er zufällig auf Thomas Finks „Studio 2 Tonstudios“ am Platz der Freiheit. „Ich hab gar nicht vermutet, dass wir so ein ausgezeichnetes Studio in Schwerin haben“, sagt er. Und dann noch so ein großes. 400 Quadratmeter Musik. Untergebracht in einem Gebäude am Platz der Freiheit. In der Hülle einer historischen Autowerkstadt aus dem letzten Jahrhundert, die zwischenzeitlich als Bastel-Shop genutzt wurde.

Thomas Fink kann hier gleich mehrere Künstler glücklich machen – von der kleinen Combo bis zum Ensemble. Sein Aufnahmeraum schluckt problemlos ein kleines Orchester. Die Goethe-Bigband mit 25 Leuten hat hier schon gespielt. An den Wänden lehnen Gitarren, Tasteninstrumente stehen bereit – und mittendrin ein Ludwig-Schlagzeug. Kein gewöhnliches: Curt Cress, legendärer Schlagzeuger und jahrelanger Weggefährte von Udo Lindenberg, hat darauf in den 1980er-Jahren getrommelt.

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Pingo Schlüter nutzte das Tonstudio von Thomas Fink für Live-Aufnahmen. (Foto: Fink) Auch ein besonderer Audio-Kompressor hat seinen Weg ins Studio gefunden – eher zufällig. Thomas Fink erwarb das Gerät gebraucht über eine Online-Plattform, ohne zu ahnen, wo es vorher war. „Später stellte sich heraus: Der wurde auf dem ersten Album der stimmgewaltigen Sängerin Adele eingesetzt“, erzählt er. „Das Teil stammt aus dem Studio von Adeles Produzent Fraser T. Smith – mit dem ich noch einen kurzen Austausch per E-Mail hatte.“

Ein Tonstudio mit Eigensinn aufgebaut

Ein Tonstudio, wie Thomas Fink eins hat, baut man nicht über Nacht – und auch nicht ohne eine gehörige Portion Eigensinn. Den hatte Thomas schon als Kind. Schlagzeug wollte er spielen, doch in der kleinen Neubauwohnung in Warin war kein Platz. Die Mutter lotste ihn ans Klavier. Mit elf saß er sonntags an der Kirchenorgel in Warin. Weil er Keyboard spielen kann, darf er bei den älteren Jungs in der Schulband mitspielen. Wenn sie ihre Raucherpausen machen, tobt er sich am Schlagzeug und Bass aus. Ahmt Oasis, Queen und Coldplay nach. Sie treten mit ihrer Band in Dörfern auf.

Alles, was das Musikerherz begehrt, hat der Aufnahmeraum im Tonstudio zu bieten. (Foto: Fink) Thomas will Klavier studieren. Er träumt davon, dass große Bands ihn als Session-Player für Konzertreisen buchen. Er bewirbt sich an der 1996 frisch in England von Ex-Beatle Paul McCartney gegründeten Hochschule für Popmusik. Doch im Klavier-Workshop ist kein Platz mehr frei. Der Schweriner trägt sich im Tonstudio-Kurs ein. „Da waren so coole Leute und Produzenten“, erinnert sich Thomas Fink. „Danach warf ich die Idee mit dem Klavier-Job über Bord. Ich hatte Lust, im Tonstudio zu arbeiten. Wollte nach Amerika. Aber dann kamen die Anschläge vom 11. September und alles war plötzlich kompliziert.“

Also verwirft er auch diesen Plan. Einen Umweg übers Studium erspart er sich danach. Statt Tonmeister-Diplom verschlingt Thomas viele Bücher über Tontechnik. Sein gesamtes Erspartes steckt er ins Equipment seines eigenen Studios. Auf den Führerschein verzichtet er kurzerhand. Bands, die in Schweriner Kita-Kellern proben, holen ihn abends zum Songs aufnehmen ab. So fing es an. Und Thomas übernimmt die Beschallung diverser Clubkonzerte, Open Airs und Festivals.

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Thomas saß an Soundtrack für bekannte Videospielfirma

„Damals fuhren auch haufenweise Eltern mit ihren Söhnen in meinem Studio vor. Die dann Knockin' On Heaven’s Door sangen“, erinnert sich der Ton-Profi. „Die kommen heute nicht mehr. Es ist einfach, sich mit dem Handy selbst in Szene zu setzen.“ Heute kommen Bands zu ihm ins Tonstudio, die Wert auf guten Klang und die Tipps eines Profis legen – aus Schwerin, Rostock, Leipzig und Bremen, wie die Surf-Rockband „Flawi Wostock“.

Bands aus ganz Deutschland suchen Thomas in seinem Tonstudio auf. Ob Rock, Pop, Punk oder Jazz, Klassik: Jeder Musikstil ist willkommen. (Foto: Fink) Thomas sitzt außerdem an Musikvideos für Instagram und YouTube. Arbeitet an Filmmusiken zu Streifen wie „Gezeitenwende“, „Simon“, „Die Toten von Marlow“ und „Das Wunder Alpen“. Er hat auch Aufnahmen für Ludwig Göransson gemacht, der die Musik für den Film „Oppenheimer“ komponierte. Und für eine bekannte Videospielfirma saß der Schweriner kürzlich am Soundtrack für „Diablo 4- Lord of Hartred“.

Kein Studium, kein Diplom – aber ein Ohr wie kein zweites. Und seit mehr als zwanzig Jahren ein eigenes Tonstudio. (Foto: Fink) Stundenlang verharrt Thomas Fink vor seinen Boxen und Monitoren. Oft allein, damit kein Geräusch ablenkt. Danach braucht er den Kontrast: Familie, Kinder, Freunde, Ostsee, Rennradfahren, Windrauschen. Damit die Ohren wieder frei werden für das nächste Projekt. Und die nächsten Musiker. Aus denen er das Beste herauskitzeln muss. Sein Rezept: „Den Druck rausnehmen. Zum Schluss nach den ganzen Aufnahmen sage ich, wir sind eigentlich durch – aber mach ruhig noch eine Runde. Was dann kommt, klingt am schönsten.“