Zwei Jahre nach dem Überraschungserfolg „Baby Reindeer“ präsentiert der schottische Comedian Richard Gadd seine neue Miniserie „Half Man“. Die sechs Folgen sind ab dem 24. April wöchentlich freitags bis zum 29. Mai bei HBO Max zu sehen. Gadd, der mit „Rentierbaby“ persönliche Erfahrungen von Stalking und Missbrauch verarbeitete und dafür mehrere Golden Globes und Emmys gewann, spielt erneut eine Hauptrolle.
Eine unerwartete Hochzeitskonfrontation
Im Zentrum der Serie steht die zerstörerische Beziehung zwischen zwei Männern über mehrere Jahrzehnte. Die Handlung beginnt mit einer Hochzeit: Niall (Jamie Bell) soll den schönsten Tag seines Lebens feiern, doch plötzlich taucht der gefährlich wirkende Ruben (Richard Gadd) auf. Während die Gäste draußen tanzen, stehen sich die beiden in einer Scheune gegenüber – Niall in Jackett und Kilt, Ruben mit freiem Oberkörper und abgebundenen Händen, als stünde ein Faustkampf bevor.
„Half Man“ nimmt das Publikum mit auf eine Zeitreise. In den ersten drei Folgen spielen Mitchell Robertson und Stuart Campbell die jüngeren Versionen von Niall und Ruben. Erst in der zweiten Hälfte treten Gadd und Bell in den Vordergrund.
Rückblick in die 1980er Jahre
Die Geschichte beginnt in einem trostlosen Vorort von Glasgow. Der schüchterne Niall lebt mit seiner verwitweten Mutter Lori (Neve McIntosh) und deren Lebensgefährtin Maura (Marianne McIvor). In der Schule wird er schwer gemobbt. Die Situation eskaliert, als Mauras gewalttätiger Sohn Ruben bei ihnen einzieht, der gerade aus einer Jugendstrafanstalt entlassen wurde – er hatte jemandem die Nase abgebissen.
Ruben wirft Nialls Sachen weg, zerreißt Poster und zwingt ihn zur Unterordnung. Doch als Ruben einen von Nialls Peinigern verprügelt, beginnt eine seltsame Freundschaft. Niall hilft Ruben bei Prüfungen, Ruben sorgt dafür, dass Niall, den er abwertend „Bambi“ nennt, seine Jungfräulichkeit verliert – eine von vielen unbehaglichen Szenen.
Toxische Dynamik und fesselnde Darstellung
„Wir sind jetzt Familie“, sagt Ruben. Doch die Beziehung ist zutiefst toxisch. Niall bewundert den älteren Ruben, ist ihm aber gleichzeitig hilflos ausgeliefert. Mal wird er in den Schwitzkasten genommen, mal ist Ruben fast zärtlich. Diese aufdringliche Nähe ist selbst für den Zuschauer unangenehm.
„Half Man“ ist von Beginn an beklemmend, manchmal quälend. Man möchte wegsehen, doch die drastische Geschichte fasziniert. Richard Gadd beweist ein besonderes Gespür für Figuren, Dialoge und Details. Hinzu kommen die grandiosen schauspielerischen Leistungen.
Die Universität als Neustart
Der intelligente Niall, ein begabter Schreiber, versucht an der Universität einen Neuanfang – ohne Ruben. In einer WG mit den lebenslustigen Studentinnen Joanna (Julie Cullen) und Celeste (Philippine Velge) sowie dem selbstbewussten Einzelgänger Alby (Bilal Hasna) steht er vor neuen Herausforderungen. Doch er ruft Ruben an, und dessen Ankunft löst eine Reihe dramatischer Ereignisse aus, die Niall in eine ausweglose Lage bringen und das Leben der beiden bis in die Gegenwart prägen.
Über die Jahre trifft Niall viele falsche Entscheidungen und verfällt in selbstzerstörerische Muster. Es gibt Momente des Humors, doch die Serie geht vor allem dahin, wo es wehtut – im wahrsten Sinne des Wortes. Die drastischen Gewaltszenen sind schwer zu ertragen.
Furchteinflößender Gadd und leidender Bell
In „Baby Reindeer“ spielte Gadd das Opfer, in „Half Man“ ist er der Täter, der jedoch auch Opfer ist. Mit muskulösem Körper, struppigem Bart und irrem Blick ist Gadd wirklich furchteinflößend. Jamie Bell steht das Leid ins Gesicht geschrieben. Nialls Verhalten wirkt manchmal überzeichnet, aber das unterstreicht die Absurdität der Situation.
„Half Man“ ist eine ergreifende und verstörende Geschichte über destruktive Beziehungen, toxische Männlichkeit und emotionale Abgründe. Es gibt keine Gewinner, jeder trägt ein Trauma mit sich. Moral, Schuld, Loyalität und sexuelle Identität werden thematisiert. Eine fesselnde, aber schwer verdauliche Charakterstudie.



