Von Bausoldaten bis Muttiheft: DDR-Sprachschätze, die bis heute überleben
DDR-Sprachschätze: Vom Broiler bis zur Datsche

Kultbegriffe aus dem Osten: Vom Broiler bis zur Datsche

Die Deutsche Demokratische Republik ist längst Geschichte, doch ihre sprachlichen Relikte haben bis heute überdauert. Viele Begriffe aus dem Alltag der DDR werden noch immer benutzt und wecken bei Eingeweihten sofort Erinnerungen. Dieses kleine Wörterbuch voller Nostalgie zeigt, wie Sprache mehr sein kann als nur Kommunikation – sie ist Erinnerung, Identität und manchmal sogar ein Zeitfenster in eine Welt, die so nicht mehr existiert.

Von ABV bis Anorak: Staatliche Begriffe und Alltagsdinge

Ein ABV war in der DDR ein Abschnittsbevollmächtigter, der für einen bestimmten Wohnbereich oder ein Dorf zuständig war und die sichtbare Vertretung der Staatsgewalt darstellte. Heute würde man ihn als Kontaktbereichsbeamten bezeichnen. Der antifaschistische Schutzwall war die offizielle Bezeichnung der DDR-Regierung für die Mauer, die zwischen August 1961 und November 1989 Ost und West teilte.

Im Alltag sprach man von einem Anorak, wenn man eine Windjacke meinte, und von Auslegware, wenn heute Teppichboden gemeint wäre. Diese Begriffe zeigen, wie sich selbst simple Alltagsgegenstände in der DDR-Sprache eigene Bezeichnungen schufen.

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Besondere DDR-Phänomene: Bausoldaten und Blaue Fliesen

Zwischen 1964 und 1989 verweigerten etwa 15.000 junge Männer aus ethischen Gründen den Wehrdienst. Als Bausoldaten mussten sie stattdessen militärische Anlagen bauen und waren von anderen Soldaten getrennt. Die SED sah sie als feindlich-negative Kräfte an und schränkte ihre Berufs- und Studienchancen ein.

Blaue Fliesen war eine scherzhafte Bezeichnung für Westgeld in der DDR, die sich auf die bläuliche Farbe des 100-D-Mark-Scheins bezog. Westgeld war besonders begehrt, weil man damit in Intershops einkaufen oder begehrte Waren erhalten konnte.

Kulinarische Besonderheiten: Vom Broiler zur Ketwurst

Wer am Imbisswagen einen Broiler bestellt, outet sich zwangsläufig als Ossi – im Westen spricht man eher von Brathähnchen oder Grillhähnchen. Die Grilletta war die DDR-Variante des Hamburgers und bestand aus einem Brötchen mit Boulette und Ketchup. Nach Wahl gab es auch Käse, Zwiebeln und Gurken dazu.

Im Osten hieß der bekannte Hotdog eher Ketwurst, ein Name, der sich von den Hauptzutaten Ketchup und Wurst ableitete. Und wer von Toter Oma sprach, meinte damit nicht seine verstorbene Großmutter, sondern ein Gericht aus gekochter Blutwurst mit verschiedenen Zutaten.

Alltagsleben in der DDR: Von der Datsche zum Muttiheft

Kleine Wochenend- oder Gartenhäuschen – vorwiegend in Kleingartenanlagen – wurden als Datsche bezeichnet. Sie waren für viele ein Ort der Erholung, Selbstversorgung und ein Stück persönlicher Freiheit im Alltag. Das Wort ist aus dem Russischen eingedeutscht.

Das Muttiheft war ein Heft für Mitteilungen zwischen Lehrern und Eltern. In der DDR galt die Mutti als hauptzuständig für die Erziehung der Kinder – daher der Name. Was heute als T-Shirt gilt, wurde zu DDR-Zeiten als Nicki bezeichnet, während im Westen damit ein Pullover aus Samtstoff beschrieben wurde.

Wirtschaft und Verkehr: Intershops und Kugelporsche

Mit Intershop bezeichnete man eine Einzelhandelskette in der DDR, in der West-Waren nur mit konvertierbaren Währungen bezahlt werden konnten. So bekamen die Bürger einen begrenzten Einblick in das Warenangebot des Westens.

Eine verbreitete umgangssprachliche Bezeichnung für den Trabant 600 war Kugelporsche, angelehnt an die charakteristisch runde Form. Ironisch wurde der Trabant auch Rennpappe genannt, da seine Karosse aus einem Verbundmaterial aus Kunststoff und Baumwoll-Gewebe bestand.

Jugendsprache und Arbeitswelt

In der Jugendsprache der DDR bedeutete Urst so viel wie großartig, äußerst, sehr. Wenn Jugendliche sagten Das fetzt, meinten sie damit Das ist cool oder Das ist super.

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Die Feierabendbrigade war eine Handwerkergruppe, die neben der normalen Arbeit heimlich Aufträge erledigte. Bezahlt wurde meist in bar – manchmal sogar in Westgeld. Und Subbotnik nannte man die meist am Samstag stattfindenden freiwilligen, unbezahlten Arbeitseinsätze, bei denen DDR-Bürger ihr Umfeld verbesserten.

Diese Begriffe zeigen, wie die Sprache der DDR nicht nur ein Kommunikationsmittel war, sondern ein Spiegel ihrer Gesellschaft, ihrer Wirtschaft und ihres Alltagslebens. Auch mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung leben viele dieser Wörter weiter – als sprachliche Zeitzeugen einer vergangenen Epoche.