Das rote Herz: Ein Symbol erobert die Welt
Rot und rundum romantisch: Zum Valentinstag erlebt das Herzsymbol alljährlich seine Hochkonjunktur. Doch wie entstand dieses ikonische Zeichen, das weltweit verstanden wird und zu den beliebtesten Emojis gehört? Die Kunst- und Kulturgeschichte hält zahlreiche Überraschungen bereit – und eine entscheidende Erkenntnis: Mit dem tatsächlichen menschlichen Organ hat das formschöne Piktogramm herzlich wenig gemeinsam.
Anatomische Irrtümer und künstlerische Genauigkeit
Wie malt man eigentlich ein menschliches Herz? Bereits Anfang des 14. Jahrhunderts lieferte der Renaissancemaler Giotto di Bondone eine erstaunlich anatomisch-korrekte Antwort. In der italienischen Stadt Padua schuf er ein Fresko, das selbst heutige Kardiologen beeindruckt. „Ein Herzkranzgefäß ist dargestellt und auch die großen Herzgefäße. Das hat eine sehr deutliche Ähnlichkeit mit dem wirklichen Herzen“, erklärt der 84-jährige Klinik-Chefarzt im Ruhestand Armin Dietz, der sich intensiv mit der Medizingeschichte des Herzens beschäftigt hat.
Giotto hatte wahrscheinlich eine Autopsie beobachtet, was in seiner Zeit durch gerichtlich angeordnete Obduktionen in Städten wie Bologna nicht ungewöhnlich war. Ganz anders die Illustratoren französischer Minnelieder im hohen Mittelalter: Sie zeichneten das Herz als eine Art Pinienzapfen, eine Vorstellung, die auf den griechischen Arzt Galen aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus zurückging, der vermutlich nur Tier-Sektionen kannte.
Die Geburt des roten Herzsymbols
In mittelalterlichen Buchmalereien aus Frankreich tauchte ein entscheidendes neues Element auf: die Farbe Rot als Ausdruck von Leidenschaft. Emotional aufgeladen und inspiriert von antiken Efeu- und Feigenblatt-Dekoren entstand so das formschöne rote Herzsymbol. „Auch als das korrekte anatomische Wissen weiter verbreitet war, konnte es diese simple Herzform nicht mehr aus der Bildsprache verdrängen“, betont Dietz. Das Herzsymbol war kein Organ mehr, sondern ein Konzept.
Seit dem 14. Jahrhundert fand das Symbol zudem als Spielkarten-Herz in vielen Ländern Verbreitung. Doch der Weg zum heutigen Emoji war keineswegs gradlinig. „Ich denke, dass die ganze Herzsymbolik im europäischen Mittelalter nur in Korrelation mit dem christlichen Glauben zu verstehen ist“, sagt Gunther Hirschfelder, Kulturwissenschaftler an der Universität Regensburg. „Rot steht dabei zentral für die Liebe Gottes zu den Menschen.“
Vom göttlichen zum weltlichen Symbol
Erst mit der Aufklärung und vor allem der Säkularisierung im 19. und 20. Jahrhundert verlagerte sich die Bedeutung des roten Herzens in den weltlichen Bereich. „Es wird zum zentralen Symbol der Liebe der Menschen untereinander“, erläutert Hirschfelder. Nach dem Zweiten Weltkrieg erweiterte sich die Bedeutung um die Dimension der Sexualität. „Und in der Gegenwart steht es nun ganz allgemein für Zuneigung“, so der Wissenschaftler.
Diese Entwicklung macht die Interpretation nicht einfacher. „Wir sind in Herzensangelegenheiten heute ausgesprochen ambivalent“, urteilt Hirschfelder. „Liebe bedeutet im romantischen Sinn immer noch, sein Herz auf Dauer zu verschenken. Das will die moderne Welt auch so haben. Nur kann sie es nicht ertragen, und sie glaubt auch nicht mehr daran.“ Belege für diese These sieht der Forscher in Eheverträgen, Scheidungsraten und neuen Freundschaft-Plus-Konzepten.
Das Herz-Emoji: Eine universelle Allzweckwaffe
Selbst als weltweit beliebtes Emoji unterliegt das rote Herz einem permanenten Wandel. „Wenn ich heute von einer Studentin ein Herzchen aufs Handy bekomme, weil ich ein Gutachten schneller schreibe, dann weiß ich, dass das 'vielen Dank, nett von Ihnen' heißt“, sagt Hirschfelder. „Vor 20 Jahren hätte ich gedacht: Was ist denn jetzt los?“
Wer heute ein Herzsymbol erhält, muss zunächst die Ebene einordnen: Handelt es sich um Netiquette, Freundschaft oder romantische Liebe? „Vor allem Frauen sind mit Blick auf die Aussage des roten Herzchens gelegentlich verwirrt, weil sie nicht wissen, was genau damit gemeint ist“, erklärt der Psychologe und Buchautor Wolfgang Krüger. Diese Verwirrung betreffe inzwischen auch die Kommunikation mit anderen Kulturkreisen wie China oder Japan, die einen ganz anderen Umgang mit dem Thema Liebe pflegen.
Symbolreduktion oder Entwertung?
Wird das Herz-Icon durch diese rasante Entwicklung schließlich entwertet? Kulturwissenschaftler Hirschfelder spricht lieber von „Symbolreduktion“. „Das rote Herz ist eine universelle Allzweckwaffe geworden. Es ist schneller verschickt als zwei erklärende Sätze geschrieben sind“, sagt er. Dies sei auch ein Anzeichen dafür, dass Sprache und Sprachkompetenz in der Gesellschaft nachließen. „Wir haben überall dieses Bedürfnis nach der Reduktion von komplexen Dingen. Das Osterei ist eben leichter zu verstehen als die komplette Auferstehungsgeschichte.“
Das rote Herzsymbol hat somit eine erstaunliche Transformation durchlaufen: Vom anatomischen Irrtum über das christliche Symbol der göttlichen Liebe zum weltlichen Zeichen der Zuneigung und schließlich zum universellen Emoji. Seine Bedeutung bleibt dabei im ständigen Fluss – und fordert uns auf, beim Herzgebrauch stets die Augen offen zu halten, besonders am Valentinstag.



