Karnevalist Jacques Tilly: Pappmaché-Protest gegen Putins Schauprozess
Die russische Justiz hat den Düsseldorfer Karnevalisten und Satiriker Jacques Tilly mit einer Anklage und einem Prozess überzogen. Der renommierte Wagenbauer, der seit 1984 die Motivwagen für den Düsseldorfer Rosenmontagszug gestaltet, spricht von einem „Duell mit sehr ungleichen Waffen“. Als Antwort auf die juristische Verfolgung durch Moskau hat Tilly seine Kritik nun in Form von drei satirischen Karnevalswagen manifestiert, die am Rosenmontag durch die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt rollen werden.
Satirische Antwort auf politische Verfolgung
Ein grimmiger Wladimir Putin, der einen kleinen Narren mit dem Schwert aufspießt, während der Winzling tapfer mit einer Papp-Klatsche zurückschlägt: Dieses Motiv gehört zu den drei Wagen, mit denen Tilly seine eigene Verfolgung durch die russische Justiz aufs Korn nimmt. „Dieser Wagen ist unser närrischer Kommentar zu der ganzen Sache“, erklärt der 62-jährige Künstler. Die traditionell bis Rosenmontag geheim gehaltenen Mottowagen zeigen den Kremlchef in verschiedenen kritischen Szenarien.
Neben dem narren-mordenden Putin präsentiert Tillys Team den russischen Präsidenten, wie er eine AfD-Drohne steuert, die der Parteivorsitzenden Alice Weidel frappierend ähnlich sieht. Der dritte Wagen zeigt einen imperialistischen Putin, der gierig gemeinsam mit dem ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump Europa verspeist. „Es ist ein Duell mit sehr ungleichen Waffen“, erläutert Tilly. „Auf der einen Seite die Waffen des russischen Staates, die recht scharf sind. Und dann eben unsere Waffe, das ist einfach nur die Satire, die ist nur aus Pappe, die kann nicht töten.“
Propagandaprozess ohne Rechtsstaatlichkeit
Über den in Moskau gegen ihn geführten Prozess ist Jacques Tilly bis heute nicht offiziell informiert worden. Die ihm zugeteilte Pflichtverteidigerin habe sich nicht bei ihm gemeldet. „Das ist ein Propagandaprozess eines totalitären Regimes“, urteilt der Karnevalist. „Mir ist unbegreiflich, wie man Rechtsstaatlichkeit noch nicht mal simuliert. Aber es ist ein für Schauprozesse berüchtigtes Gericht.“
Der Bildhauer geht davon aus, dass das Urteil gegen ihn bereits feststeht: „Höchstwahrscheinlich stehen viele, viele Jahre Straflager für mich bevor.“ Gleichzeitig betont er: „Es ist ein Angriff auf unsere Freiheiten. Auf die Meinungsfreiheit, auf die Pressefreiheit, auf die Satirefreiheit, auf die Narrenfreiheit. Und so wird das hier in Deutschland auch verstanden.“
Bestätigung und Bedrohung zugleich
Der Prozess mache sichtbar, „wie lächerlich dieses Regime sich macht, das gegen Pappfiguren solche Mittel auffährt“, so Tilly. „Ich hätte nie gedacht, dass die so unsouverän sind, auf humorvolle Kritik mit so harten Mitteln zu reagieren. Das ist einfach absurd.“ Andererseits sei die juristische Verfolgung auch eine Bestätigung seiner jahrzehntelangen Arbeit.
„Satire wehtut, Satire macht Sinn“, erklärt der Künstler. „Potentaten, Autokraten und Despoten haben tatsächlich Angst vor dem angstfreien Lachen der Menschen über sie. Denn sie herrschen über Angst, und wenn über sie gelacht wird, dann verlieren sie ihr Machtmittel.“ Diese Erkenntnis zeige, dass er mit seiner Arbeit auf dem richtigen Weg sei.
Dennoch gibt es eine bedrohliche Seite: Tillys Reisefreiheit ist eingeschränkt, da Gerüchte kursieren, er stehe auf einer internationalen Fahndungsliste. „Außerhalb von EU-Ländern muss man sich genau informieren, was dort an Risiken möglicherweise auf einen wartet“, sagt er. „Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was russische Oppositionelle in Straflagern erdulden müssen. Das ist ein Luxusproblem.“
Breite Solidarität aus Politik und Bevölkerung
Jacques Tilly erfährt große Unterstützung. Landespolitiker haben sich parteiübergreifend hinter ihn gestellt, angefangen mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst (CDU). „Mich erreichen E-Mails aus ganz Deutschland von Menschen, die mir Mut zusprechen“, berichtet der Karnevalist. „Das ist motivierend, denn der Sinn dieses Verfahrens ist es ja natürlich einzuschüchtern, Angst zu verbreiten. Die Quintessenz für uns ist: Wir machen weiter.“
Das Moskauer Gericht wirft Tilly die Verunglimpfung russischer Staatsorgane vor, zu denen neben der Armee auch Präsident Wladimir Putin gehört. Zudem wird ihm die Verletzung religiöser Gefühle angelastet. Der Prozess findet in Abwesenheit des Angeklagten statt und soll am 26. Februar fortgesetzt werden.
Kontext: Russlands verschärftes Vorgehen gegen Kritiker
Russland geht vor allem seit Beginn des von Putin befohlenen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Jahr 2022 verschärft gegen Kritiker vor. Der Kreml hat kritische Medien und die Opposition weitgehend zum Schweigen gebracht. Viele Kriegsgegner und Kremlkritiker befinden sich entweder im Gefängnis, im Exil im Ausland oder haben sich Schweigen auferlegt, um weiter in Russland leben zu können.
Jacques Tilly, der 2024 mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet wurde, sorgt seit Jahrzehnten mit seinen politisch-satirischen Mottowagen für Aufsehen. Seine Arbeiten finden regelmäßig internationale mediale Beachtung und unterstreichen die Bedeutung der Narrenfreiheit als demokratisches Grundrecht.



