Buchladen Möwe in Warnemünde: Größte DDR-Reclam-Sammlung
Buchladen Möwe: Größte DDR-Reclam-Sammlung

Frank Weisleder strahlt Stille und Konzentration aus. Leise Musikklänge sind in seinem Warnemünder Buchladen zu hören. So dezent wie er. Als eine Kundin ihm ein Buch, das sie kaufen möchte, über den Ladentisch reicht, weist er sie höflich darauf hin, dass es noch Teil 1 und 2 gebe. Seit 20 Jahren führt der gebürtige Suhler die Buchhandlung Möwe in der Luisenstraße. Der Strand ist gerade mal 100 Meter entfernt. „Der 31. Oktober 2006 war der erste Öffnungstag, also eigentlich verboten, weil es der Reformationstag ist, doch das wusste ich nicht“, stellt Weisleder im Rückblick schmunzelnd fest.

Ausgezeichnet mit dem Buchhandlungspreis

Der ausgebildete Jurist hat sich bewusst für den Norden entschieden. Er sieht seine Buchhandlung zwischen Tourismusgeschäft, regionaler Literatur und einem klaren freigeistigen Profil. Für diese Mischung ist er 2019 mit dem Buchhandlungspreis ausgezeichnet worden.

„Natürlich hat sich in den vergangenen Jahren viel ereignet, aber nicht unbedingt verändert“, beschreibt Weisleder eine Branche im Umbruch. Das E-Book habe das gedruckte Buch in Deutschland nicht verdrängt, sagt er. Die anfänglichen Erwartungen orientierten sich an US-Zahlen, passten aber nicht zur hiesigen Buchkultur. Viele Urlauber hätten E-Reader ausprobiert und seien zum Buch zurückgekehrt – aus praktischen Gründen am Strand.

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Sortiment mit Balance

Sein Laden richtet sich an Touristen und Einheimische. Dabei versucht Weisleder, die Hemmschwelle gering zu halten: „Krimis und Unterhaltung gehören ebenso ins Regal wie anspruchsvolle Titel. Küstenkrimis laufen beständig, Bestseller im Belletristikbereich ebenfalls.“ Ein einzelner „Überflieger“-Titel sei derzeit aber nicht auszumachen. Christoph Heins „Das Narrenschiff“ habe sich ungewöhnlich gut verkauft.

Ein besonderes Schmuckstück hat die Möwe mit einer kompletten Sammlung der in der DDR erschienenen Reclam-Bücher – von der Neugestaltung Mitte der 1960er-Jahre bis zur Wende. Um die 1400 Bücher sind es. Nach Angaben Weisleders „ein Schatz, eine Rarität“. Der Leiter des Reclam-Museums Leipzig habe die Sammlung vor Ort gesehen und die Besonderheit bestätigt. „Kein anderer Buchladen besitzt eine solche Buchsammlung“, so Weisleder.

DDR-Themen weiterhin gefragt

Nach seiner Beobachtung ist das Interesse an DDR-Geschichte in den vergangenen Jahren wieder gewachsen. Auslöser seien politische Entwicklungen wie Pegida und die Erfolge der AfD gewesen. „Die Leser wollen ‚den Osten‛ besser verstehen. Titel von Autoren wie Steffen Mau oder Dirk Oschmann laufen kontinuierlich.“ Entsprechend sei das Regal mit DDR-Literatur im Laden gewachsen.

Im literarischen Feld sieht Weisleder seit gut zehn Jahren eine Trendwende: Weg von rein innerfamiliären Befindlichkeiten, hin zu Romanen und Sachbüchern, die Zeitgeschichte, Politik und Gesellschaft stärker einbinden. „Das Sachbuch hat spürbar an Bedeutung gewonnen – auch im Zuge internationaler Krisen.“

Lesungen, Gäste und ein besonderer Service

Über 150 Lesungen hat Weisleder in den vergangenen Jahren in Warnemünde organisiert, teils mit prominenten Gästen: Schauspielerin Dagmar Manzel trat auf, Gregor Gysi, Harald Martenstein und viele andere. Jürgen von der Lippe schaut regelmäßig in der Adventszeit vorbei. Es muss an der besonderen Atmosphäre in der Möwe liegen. Weisleder setzt auf Service – auch bei vergriffenen Titeln. So beschaffte er jüngst für einen Kunden ein Yachtbuch aus den USA für rund 300 Euro. Plattformen wie ZVAB sieht er dabei eher als Ergänzung denn als Konkurrenz für seine Kundschaft.

Neben allgemeiner und regionaler Literatur führt die Möwe ein maritimes Antiquariat in der oberen Etage. „Die Nachfrage kommt gezielt“, erläutert Weisleder. Zugleich ist die Buchhandlung, deren Name von Tschechows Drama und dem gleichnamigen Ostberliner Künstlerlokal inspiriert ist, für Einheimische eine Adresse für Titel kleinerer regionaler Verlage. Ein blaues Fahrrad an der Promenade macht zusätzlich auf den Laden aufmerksam.

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