Schamanin von Bad Dürrenberg: Neue Pollenanalyse deutet auf farbenprächtigen Blütenschmuck im Grab hin
Schamanin-Grab: Pollenanalyse zeigt möglichen Blütenschmuck

Neue Untersuchungen zum Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg

Die Schamanin von Bad Dürrenberg und ihr Baby könnten vor rund 9.000 Jahren mit einem farbenprächtigen Blütenschmuck bestattet worden sein. Aktuelle Pollenuntersuchungen liefern faszinierende Hinweise auf diese außergewöhnlichen Grabbeigaben aus der Mittelsteinzeit.

Spektakulärer archäologischer Fund

Das Grab der Schamanin gilt als einer der bedeutendsten Befunde der mitteleuropäischen Archäologie. Hier wurde eine etwa 30- bis 40-jährige Frau bestattet, in deren Armen ein rund sechs Monate altes Kind lag. Ein kunstvoller Kopfschmuck aus Rehgeweih, Tierzahngehänge und weitere reiche Beigaben weisen auf eine herausragende soziale und spirituelle Stellung der Frau innerhalb ihrer Gemeinschaft hin – sie wird als Schamanin interpretiert, als spirituelle Spezialistin ihrer Gruppe von Jägern und Sammlern.

Mikroskopische Pollenanalyse enthüllt Details

Elisabeth Endtmann vom Landesamt für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt führte die aufschlussreichen Pollenanalysen durch. Unter dem Mikroskop fanden sich geringe Mengen Pollen optisch auffälliger Blütenpflanzen wie Mädesüß, Königskerze, Hahnenfuß sowie Teufelsabbiss oder Scabiosa.

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Die Pflanzen blühen in Weiß-, Gelb-, Rosa-, Rot- und Violetttönen – ein farbenfroher Schmuck wäre demnach durchaus denkbar. Besonders auffällig war eine Konzentration der Pollen im Kopfbereich der Verstorbenen.

„Vermutlich verfingen sich die Pollen im Haar der Schamanin noch zu ihrer Lebzeit. Denkbar ist aber auch, dass ihr Kopf bei der Bestattung auf Blumen gebettet wurde“, erklärte Endtmann. Aufgrund der geringen Pollenzahl bleibe eine abschließende Gewissheit jedoch aus.

Hinweise auf traditionelle Volksmedizin

Im Grab fanden sich auch Pollen von Pflanzen aus der traditionellen Volksmedizin. Birkenblätter gelten als harntreibend und lindern Blasenentzündungen, Rheuma, Gicht und Wassersucht. Faulbaumrinde wird als Abführmittel genutzt, Hopfen wirkt beruhigend und Frauenmantel wird bei der Behandlung von Wunden, Blutungen, Geschwüren, Bauchschmerzen, Nierensteinen und Kopfschmerzen eingesetzt.

Ob der Schamanin die heilkundlichen Eigenschaften dieser Pflanzen bewusst waren, bleibt offen. Landesarchäologe Harald Meller betonte jedoch: „Es gibt zahlreiche ethnografische Beispiele dafür, dass Schamanen Heilpflanzen einsetzen. Gemeinschaften von Jägern und Sammlern verfügen häufig über umfassende Kenntnisse ihrer Umwelt.“

Bestattung möglicherweise im Juli

Die Überschneidung der Blühzeiträume der im Kopfbereich nachgewiesenen Pflanzen legt mit vorsichtiger Interpretation nahe, dass die Bestattung im Juli erfolgt sein könnte. Ergänzend wurden Grünalgen festgestellt, die vermutlich an den Federn von Wasservögeln hafteten, die ebenfalls im Grab nachgewiesen wurden.

„Die mikroskopischen Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Bestattung möglicherweise im Hochsommer stattfand“, sagte Meller.

Wiederentdeckung nach 85 Jahren

Entdeckt wurde das Grab bereits 1934 zufällig bei Kanalarbeiten nahe dem heutigen Kurpark von Bad Dürrenberg im Saalekreis. Die Bergung erfolgte damals unter erheblichem Zeitdruck innerhalb eines einzigen Nachmittags.

Erst ab Dezember 2019, im Vorfeld der Landesgartenschau, nahmen Archäologinnen und Archäologen die Fundstelle erneut in den Blick. Tatsächlich gelang es, Reste der ursprünglichen, mit dem Mineralgemenge Rötel durchsetzten Grabgrube ausfindig zu machen. Da 1934 nur ein schmaler Suchgraben angelegt worden war, waren Teile der Bestattung unangetastet geblieben.

Historischer Kontext von Blumengräbern

Blumen als Grabbeigaben werden bereits für sehr frühe Bestattungen diskutiert – etwa im Fall von Blütenpollen bei einer Grabstätte eines Neandertalers in der Shanidar-Höhle im Zagros-Gebirge im Norden des Irak. Allerdings gibt es auch alternative Deutungen, welche von einer möglichen Einschleppung der Pollen durch Insekten in die Höhle ausgehen.

Sicher belegt sind rund 13.700 bis 11.700 Jahre alte Blumennachweise aus der Raqefet-Höhle im Karmel-Gebirge in Israel, südöstlich von Haifa. Dort legten Jäger und Sammler vier Bestattungen mit farbigem Blütenschmuck aus.

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Präsentation der Forschungsergebnisse

Die neuen Ergebnisse sind Teil umfangreicher Forschungen der vergangenen Jahre. Sie werden ab dem 27. März 2026 in einer großen Sonderausstellung unter dem Titel „Die Schamanin“ im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle präsentiert. Die Ausstellung verspricht tiefe Einblicke in das Leben und die Bestattungspraktiken der mittelsteinzeitlichen Gemeinschaften Mitteleuropas.