Erinnerungskultur in Japan: Reißwolf statt Recherche-Tool
Erinnerungskultur in Japan: Reißwolf statt Recherche

Die jüngste Welle der Ahnenforschung in Deutschland, bei der Millionen Deutsche die Nazi-Vergangenheit ihrer Vorfahren untersuchen, ist auch in Japan aufmerksam verfolgt worden. Nachdem zunächst die japanischsprachigen Seiten von BBC und CNN darüber berichteten, wird das Thema nun auch in den sozialen Netzwerken diskutiert. Doch während in Deutschland die Aufarbeitung der NS-Zeit einen hohen Stellenwert hat, zeigt sich in Japan ein ganz anderes Bild: Die meisten Bürger sehen die kriegerische Vergangenheit als weit entfernt von ihrem Alltag an. Dies liegt nicht zuletzt an einer fundamental anderen Erinnerungskultur, die Japan im Vergleich zu seinem ehemaligen Verbündeten Deutschland pflegt.

Die Achse Berlin–Tokio und ihre Unterschiede

Deutschland und Japan waren während des Zweiten Weltkriegs durch den Dreimächtepakt von 1940 verbündet, dem auch das faschistische Italien beitrat. Doch die Regime unterschieden sich grundlegend. In Japan gab es keine Massenbewegung wie die NSDAP, der Millionen angehörten. Stattdessen zogen die Untertanen im Namen des damals als göttlich verehrten Kaisers in den sogenannten „Großostasiatischen Krieg“, wie der Zweite Weltkrieg in Japan bezeichnet wird. Viele Soldaten waren an schweren Kriegsverbrechen beteiligt, etwa am Massaker von Nanjing 1937, bei dem Hunderttausende chinesische Zivilisten ermordet wurden.

Hindernisse bei der Ahnenforschung

Wer in Japan heute herausfinden möchte, ob und wie die eigenen Vorfahren in den Krieg verwickelt waren, stößt auf erhebliche Hürden. Bereits im August 1945, unmittelbar nach Kriegsende, nutzten die japanischen Ministerien die Tage bis zur Ankunft der amerikanischen Besatzer, um hastig Tausende von Akten zu verbrennen. Doch auch in jüngerer Zeit vernichteten Behörden immer wieder historisch wertvolle Archivbestände, darunter Listen gefallener Soldaten, beispielsweise in der Präfektur Chiba nahe Tokio. Zwar bietet das Gesundheitsministerium eine Website an, über die Bürger Einsicht in Listen ehemaliger Militärangehöriger beantragen können, doch der Prozess ist bürokratisch aufwendig: Es müssen Formulare ausgefüllt und familiäre Nachweise erbracht werden.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Die mangelnde Bereitschaft Japans, die Schattenseiten seiner Vergangenheit aufzuarbeiten, ist jedoch nicht allein der Bürokratie geschuldet. Viele Japaner sehen ihr Land weniger als Täter, sondern vielmehr als Opfer des Krieges. Der japanische Historiker und Deutschlandexperte Toru Takenaka aus Tokio erklärt: „Tief im Inneren glauben sie, dass im Krieg begangene Taten weniger ‚Verbrechen‘ sind, sondern vielmehr spontane Begleiterscheinungen des Krieges.“ Diese Haltung prägt die japanische Erinnerungskultur bis heute und unterscheidet sie grundlegend von der deutschen.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration