Münchner Biennale: Zukunft zwischen Sparzwang und künstlerischem Anspruch
Münchner Biennale: Zukunft zwischen Sparzwang und Kunst

Die Münchner Biennale für Neues Musiktheater steht vor großen Herausforderungen. Zwischen künstlerischem Anspruch und finanziellen Zwängen muss das Festival seine Zukunft sichern. Ein Besuch bei den aktuellen Aufführungen zeigt Licht und Schatten.

Ein ungewöhnlicher Spielort

Bei der Öffnung der Türen ist der Spielort ausnahmsweise nicht dunkel und eingenebelt. In der Muffathalle erstrahlt die Spielfläche bei „crypt_“ von Yuri Umemoto in hellem Weiß. Die Anime-Ästhetik dieses Werks unterscheidet sich stark von den anderen Uraufführungen der Biennale. Die Hauptfigur, eine fragile, androgyne Counterstimme, leidet unter einem Vaterkomplex. Sie behauptet, Musiker zu sein, und wird von einem Computerspiel vergleichsweise leistungslos von Level zu Level gelobt. Dazwischen zwitschert ein dreifaches Anime-Mädchen auf Bildschirmen, das den Spieler offenbar hereinlegt. Die sehr zähen letzten zehn Minuten lassen das Interesse jedoch deutlich erkalten. Die Musik zitiert wohllautend, in ewigen Wiederholungen auch etwas nervig, typische Gaming-Sounds. Als Alternative zur typischen Neuen Musik des Festivals ist dies ein interessanter Sonderweg. Gegen eine Videospiel-Oper spricht nichts, nur sollten Figuren und Handlung sich einen Millimeter oberhalb der Komplexität von Pokémon bewegen – denn jedes bessere Videospiel schafft das mittlerweile auch.

Wenn der alte Henze immer noch das Beste ist

Die Bilanz dieser 20. Ausgabe, die erstmals von Katrin Beck und Manuela Kehrer geleitet wird, bleibt mager. Das ist nicht allein dem Duo anzulasten, das die Scherben des Niedergangs der beiden theaterscheuen Klangkünstler Daniel Ott und Manos Tsangaris zusammenkehren muss. Die musikalisch wie szenisch stärkste Premiere kam mit einem klar fokussierten Update des Liederzyklus „Voices“ des Festivalgründers Hans Werner Henze aus der Theaterakademie. Dies erinnerte unweigerlich an die Anfänge der Biennale, die nicht immer so nischig war, wie sie sich heute präsentiert. Kehrer und Beck haben immerhin eine Begrenzung der zuletzt oft ausufernden Werke erreicht: eine Stunde plus x muss reichen. Das ist keine geringe Leistung. Aber sie wiegt nicht auf, dass die Produktionen über die Jahre im Format und vom Anspruch her immer kleiner geworden sind. Manches, was heuer zu sehen ist, hat den diskreten Charme von Stadtteilkulturzentrumsavantgarde und identitätspolitischer Pflichtübung. Jenseits des Münchener Kammerorchesters in „Voices“ spielte immer nur eine Handvoll Musiker, während in der Ära von Peter Ruzicka (1996–2013) noch mit dem Klangforum Wien oder dem Ensemble Modern aus dem Vollen geschöpft werden konnte.

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Wieder eine Nummer größer werden?

Dies ist die Folge eines seit Jahren gleichbleibenden und angesichts gesteigerter Produktionskosten faktisch sinkenden Etats von etwa 2,5 Millionen Euro pro Festival. Der Verlust wird durch den grundsätzlichen Konstruktionsfehler verstärkt, dass die Stadt, die selbst kein Musiktheater unterhält, ein Musiktheaterfestival ausrichtet, ohne mit den beiden staatlichen Opernhäusern zusammenzuarbeiten. Seit Henzes Jahren ist die Bereitschaft zu Neuem an den etablierten Häusern in und außerhalb Münchens erheblich gewachsen. Die Staatsoper richtet im Wechsel mit der Biennale mit „Ja Mai“ ein ähnliches und kreativeres Festival für Neues Musiktheater aus. Davor gab es „Festspiel Plus“. Auch das klassische Sprechtheater im engeren Sinn ist seit dem Biennale-Gründungsjahr 1988 viel musikalischer geworden. Die Biennale läuft diesen Trends mit immer mehr Performances nur noch hinterher. Mehr städtisches Geld dürfte derzeit nicht zu erhoffen sein. Daher wird es ohne mehr Kooperation nicht gehen. Aber vielleicht nicht, wie diesmal mit Berlin, Oslo und Innsbruck, sondern innerhalb der Stadt mit den Opernstudios der beiden Opernhäuser. Die Zusammenarbeit mit der Theaterakademie ist bereits traditionell. Warum nicht mehr wagen – und wieder eine Nummer größer werden?

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