Bitterer Odenthal-„Tatort“: Kuriere, Drogen und falsche Freunde im Sonntagskrimi
Bitterer Odenthal-Tatort: Kuriere, Drogen, falsche Freunde

Bitterer Odenthal-„Tatort“: Kuriere, Drogen und falsche Freunde im Sonttagskrimi

Ein mysteriöser Tod und eine Ermittlerin, die die Seiten wechselt: Die dienstälteste TV-Kommissarin Ulrike Folkerts gerät in ihrem neuen Fall zwischen die Fronten. Der Ludwigshafen-„Tatort“ mit dem Titel „Sashimi spezial“ bietet spannende Unterhaltung mit tiefgründigen gesellschaftlichen Fragen.

Ein Duell mit ungleichen Waffen

Aggressiv hetzt ein bulliger Transporter einen Fahrradkurier über dunkle Straßen im neuen Krimi. Der Mann rettet sich ins Polizeipräsidium, erkennt dort plötzlich eine noch größere Gefahr und flieht. Einen Moment später ist er tot. Wer hat Marc Weinert zum Schweigen gebracht? Der bittere Sonntagskrimi der dienstältesten „Tatort“-Kommissarin Lena Odenthal beginnt ohne große Umschweife und hält das Tempo bis zum Ende hoch.

„Sashimi spezial“ heißt der SWR-„Tatort“, den das Erste am 1. März um 20.15 Uhr ausstrahlt. Darin legt Deutschlands TV-Dauerbrenner eine Menge falscher Fährten. Der Begriff „Sashimi“ kommt aus der asiatischen Küche und steht für Fisch, der exakt geschnitten ist – und roh. Das passt zu dieser Episode: rohe Gewalt auf offener Straße, ungeschützte Fahrradkuriere im urbanen Raum, emotionale Wunden. Alles liegt blank, gewissermaßen.

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Die Stadt könnte brennen

Zunächst startet dieser 83. Odenthal-„Tatort“ wie eine typische Geschichte nach dem Vorbild von David gegen Goliath. Hier die coole Kuriertruppe „Velopunks“, freche Freibeuter im Häusermeer, unangepasst, freiheitsliebend. Etwa 5.000 von ihnen, schätzt man, arbeiten in Deutschland. Auf der anderen Seite die Autofahrer, laut und raumgreifend.

Als Weinert vor dem Präsidium totgefahren wird, raunt Polizeichef Kurt Breising zu Odenthal: „Sie wissen, was draußen los ist. Auto gegen Fahrrad. Wenn wir irgendeinen Vorsatz konstruieren, dann brennt die Stadt.“ Wem gehört der öffentliche Raum? Diese Frage ist in einer zunehmend zersplitterten Gesellschaft hochaktuell und bildet den Hintergrund für die Ermittlungen.

Kommissarin wechselt die Seiten

Unter der nervösen Musik von Cico Beck und Florian Kreier entwickelt sich dieser „Tatort“ nach einem Drehbuch von Stefan Dähnert zum spannenden Drama mit großer Direktheit. Kommissarin Johanna Stern läuft unvermittelt über und wird selbst zur Fahrradkurierin. Dabei wird Odenthals Kollegin vom Gefühl geplagt, an einem Tod mitschuldig zu sein.

Stern strampelt sich wortwörtlich ab – ihr Perspektivwechsel gibt der dynamischen Geschichte weiteren Raum und zeigt die Komplexität der Charaktere. Doch Schritt für Schritt klingen die pathetischen Parolen der „Velopunks“ unter der früheren Öko-Aktivistin Zoë immer hohler. „Die Straße gehört denen, die ihre eigene Kraft einsetzen, um vorwärtszukommen“, heißt es etwa kämpferisch.

Organisierte Kriminalität hinter der Fassade

Von wegen stylische Subkultur – wie aus einem undichten Ventil entweicht die Luft aus dem Klischee. Vielmehr offenbart sich ein raffinierter Fall von organisierter Kriminalität und ein Rachefeldzug nach einer privaten Drogentragödie. Hier bekommt die Ermittlergeschichte unter der Regie von Franziska Margarete Hoenisch eine weitere Dimension.

Polizeichef Breising, im jüngsten Tatort „Dein gutes Recht“ noch Odenthals erbitterter Gegenspieler, hat ein Geheimnis. An seiner Seite: der spielfreudige Robert Stadlober als öliger Unternehmer. All das wird eingefangen von der starken Bildgestaltung von Kamerafrau Eva Maschke. So prägen Pastelltöne die Szenen im Polizeipräsidium, und als die „Velopunks“ auf Autos herumspringen, tanzt die Kamera gewissermaßen mit – bis die Leichtigkeit kippt.

Solidarität und Gedenken

„Mich hat es gereizt, eine Gruppe zu erzählen, die mir von Grund auf sympathisch ist und in der ich mich dennoch als Zuschauerin nicht sicher fühlen kann“, sagt Regisseurin Hoenisch. In „Sashimi spezial“ gehe es viel darum, füreinander einzustehen. „Ich glaube, es ist wichtig, heute Geschichten von zwischenmenschlicher Solidarität zu erzählen.“

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Apropos Solidarität: Auch in diesem Ludwigshafen-„Tatort“ erinnert ein Foto im Präsidium an den echten Polizisten Rouven Laur, der 2024 auf dem Mannheimer Marktplatz im Dienst ermordet wurde. „Ein junger Mann, der unseren Rechtsstaat vertrat und bei dieser schockierenden Messerattacke tödlich verletzt wurde“, sagte Folkerts vor kurzem. „So nah an Ludwigshafen, dass wir fanden, wir sollten ihm zum Gedenken einen Platz in Lena Odenthals Büro geben.“ Es ist ein stiller Moment, der die Fiktion durchbricht und dem Krimi zusätzliche Tiefe verleiht.