Ein fast vergessener DDR-Film: "Die Schlüssel" und seine turbulente Geschichte
Der DEFA-Film "Die Schlüssel" aus den frühen 1970er-Jahren ist ein nahezu unbekanntes Werk, das nie im DDR-Fernsehen ausgestrahlt wurde. Mit den Schauspielern Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz in den Hauptrollen erzählt der Film eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des deutsch-polnischen Verhältnisses. Die turbulente Entstehungsgeschichte ist geprägt von Zensurmaßnahmen sowohl in der DDR als auch in Polen, was zur fast vollständigen Vergessenheit des Streifens beitrug.
Zensur in zwei Ostblock-Staaten behinderte die Verbreitung
Regisseur Egon Günther, bekannt für seine konfliktreiche Beziehung zur SED-Kulturpolitik, sah sich bei "Die Schlüssel" mit unerwarteten Hürden konfrontiert. Nicht nur die DDR-Zensurbehörden, sondern auch polnische Kulturfunktionäre übten Kritik an dem Film. Nach Recherchen des Filmwissenschaftlers Philipp Zengel von der DEFA-Stiftung wurden zahlreiche Szenen stark gekürzt oder komplett entfernt. Darunter fielen Aufnahmen des polnischen Bischofs Stefan Wyszyński, des Rockstars Czesław Niemen und eine emotionale Gedenktafelszene zum Zweiten Weltkrieg.
Die Premiere des Films verzögerte sich um eineinhalb Jahre und fand erst im Februar 1974 im Berliner Kino International statt. Selbst nach der offiziellen Freigabe blieb die Verbreitung eingeschränkt: Es gab nur wenige Filmkopien, eine Exportsperre wurde verhängt, und Vorführungen im Ausland wurden gestoppt. Als der visafreie Reiseverkehr zwischen Polen und der DDR eingestellt wurde, durfte der Film überhaupt nicht mehr gezeigt werden.
Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz am Beginn ihrer Karrieren
In "Die Schlüssel" spielen Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz die frisch verliebten Charaktere Ric und Klaus, die einen Urlaub im "freieren Polen" verbringen wollen. Beide Schauspieler standen damals am Beginn bedeutender Karrieren. Jaecki Schwarz hatte bereits in Filmen wie "Ich war neunzehn" (1968) mitgewirkt, während Jutta Hoffmann eine wiederkehrende Zusammenarbeit mit Regisseur Egon Günther pflegte, unter anderem in "Der Dritte" (1971). Vor "Die Schlüssel" hatten sie bereits gemeinsam in dem Roadmovie "Weite Straßen – stille Liebe" (1969) mit Manfred Krug agiert.
Ein Höhepunkt des Films ist ein Monolog von Jutta Hoffmann zur Gleichberechtigung von Mann und Frau in der DDR, den sie in einer leeren Straßenbahn hält. Dieser Moment entstand teilweise improvisiert, als während der Dreharbeiten ein polnischer Straßenbahnfahrer hinzukam und ein spontanes Gespräch entstand. Ein kontroverser Satz des Arbeiters wurde später aus dem Film entfernt, was die Zensurbemühungen unterstreicht.
Historischer Kontext und filmische Innovation
Die Entstehung von "Die Schlüssel" fällt in eine Zeit des Wandels in den Ostblock-Staaten. In Polen löste Edward Gierek 1970 Władysław Gomułka als Parteichef ab, während in der DDR Erich Honecker 1971 Walter Ulbricht im Machtkampf besiegte. Ab 1972 ermöglichte der visafreie Grenzverkehr eine Annäherung zwischen den Ländern, doch antideutsche Ressentiments in Polen blieben bestehen, wie der polnische Filmwissenschaftler Andrzej Gwóźdź betont.
Egon Günthers Regiestil war für die damalige Zeit revolutionär. Das Drehbuch von Helga Schütz, Günthers Lebensgefährtin, ließ Raum für Improvisationen, und der Film wurde mit realen Drehorten, natürlichem Licht und einer dynamischen Kamera umgesetzt. Gwóźdź beschreibt das Werk als Paradebeispiel einer hypothetischen "Neuen Welle" in der DDR-Kinematographie.
Vergessenheit und späte Wiederentdeckung
In der DDR stieß "Die Schlüssel" auf skeptische bis ablehnende Filmkritik, die sich laut Zengel vor allem an dramaturgischen Aspekten abarbeitete, um inhaltliche Themen wie das deutsch-polnische Verhältnis zu umgehen. Heute ist der Film in der DEFA-Filmwelt auf YouTube verfügbar und erlebt eine späte Wiederentdeckung. Jutta Hoffmann, die 2017 den Deutschen Schauspielerpreis erhielt, hat sich mittlerweile aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, während Jaecki Schwarz weiterhin in Produktionen wie der Krimiserie "Ein starkes Team" zu sehen ist.
Die DEFA-Stiftung hat "Die Schlüssel" zum DEFA-Film des Monats gekürt, unter anderem anlässlich des 85. Geburtstags von Jutta Hoffmann. Dieser fast vergessene Streifen steht exemplarisch für die kreativen Kämpfe und Zensurmechanismen im DDR-Filmschaffen, die viele Werke in Vergessenheit geraten ließen.



