DDR-Film "Die Schlüssel": Zensur in zwei Staaten verhinderte TV-Ausstrahlung
DDR-Film "Die Schlüssel": Zensur verhinderte TV-Ausstrahlung

Ein fast vergessener DEFA-Film: Warum "Die Schlüssel" nie im Fernsehen lief

Der DEFA-Film "Die Schlüssel" aus dem Jahr 1974 gehört zu den fast vergessenen Werken der ostdeutschen Filmgeschichte. Mit Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz in den Hauptrollen entstand ein Werk, das nie im DDR-Fernsehen ausgestrahlt wurde. Der Grund dafür lag in der doppelten Zensur durch deutsche und polnische Kulturfunktionäre.

Zensur in zwei Ostblock-Staaten

Regisseur Egon Günther, bekannt für seine Konflikte mit der SED-Kulturpolitik, geriet mit "Die Schlüssel" in die Mühlen zweier Staaten. Nicht nur ostdeutsche Prüfer nahmen den Film unter die Lupe, sondern auch polnische Kulturpolitiker kritisierten die Rohfassion als "politisch und philosophisch falsch". Die DEFA-Stiftung hat den Film nun zum DEFA-Film des Monats gekürt, passend zum 85. Geburtstag von Hauptdarstellerin Jutta Hoffmann am 3. März.

Die Dreharbeiten fanden von April bis Juli 1972 vornehmlich in Krakau und Stettin statt. Das Drehbuch stammte von Helga Schütz, der damaligen Lebensgefährtin Günthers. Der Regiestil war für die damalige Zeit revolutionär: reale Drehorte, improvisierte Szenen, dynamische Kameraarbeit und natürliches Licht prägten den Film. Der polnische Filmwissenschaftler Andrzej Gwóźdź bezeichnete das Werk als potenzielles Paradebeispiel einer "dekretierten Neuen Welle" in der DDR-Kinematographie.

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Politisch brisante Szenen fielen der Schere zum Opfer

Nach Philipp Zengel, Filmwissenschaftler und Sprecher der DEFA-Stiftung, wurde "eine Reihe von Szenen stark beschnitten oder fiel der Zensur gänzlich zum Opfer". Herausgeschnitten wurde unter anderem eine Sequenz an der Krakauer Marienkirche mit dem polnischen Bischof Stefan Wyszyński, der in Polen als "Unperson" galt. Eine Aufnahme eines Konzerts des umstrittenen Rockstars Czesław Niemen wurde gekürzt, und komplett eliminiert wurde eine Szene, in der Klaus von zwei Polen vor eine Gedenktafel für im Zweiten Weltkrieg ermordete Polen gezerrt wurde.

Der historische Kontext spielte eine entscheidende Rolle: Noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg betrachteten sich Polen und Deutsche mit Misstrauen und Feindschaft. Erst die Machtwechsel in Polen und der DDR 1970/71 ermöglichten eine Annäherung und ab 1972 den visafreien Grenzverkehr zwischen beiden Ländern.

Handlung und künstlerische Besonderheiten

Im Film machen sich Ric (Jutta Hoffmann), eine lebenslustige Arbeiterin aus dem Glühlampenwerk, und Klaus (Jaecki Schwarz), ein vorbildlicher Student, nach Polen auf. Frisch verliebt wollen sie den DDR-Alltag gegen das "freiere Polen" tauschen. Am Flughafen treffen sie auf ein unbekanntes Ehepaar aus Krakau, das ihnen die Schlüssel zu seiner Wohnung anvertraut.

Jutta Hoffmann liefert in einer leeren Straßenbahn einen grandiosen Monolog zur Gleichberechtigung von Mann und Frau in der DDR: "Hochstehen wirste eines Tages und ich werde immer und immer und ewig und drei Tage lang Arbeiterin bleiben .... Und wenn ihr, die Ingenieure, die ich hoch achte, zusammensitzt und redet, wird deine Frau schweigsam daneben sitzen und hold und dämlich lächeln." Interessanterweise entstand diese Szene teilweise improvisiert, als unerwartet ein polnischer Straßenbahnfahrer hinzukam.

Schwierige Veröffentlichungsgeschichte

Nach der offiziellen Premiere am 21. Februar 1974 im Berliner Kino International wurde es dem Film nicht leicht gemacht. Es gab nur wenige Kopien, eine Exportsperre wurde verhängt, und bereits angekündigte Vorführungen bei der Viennale 1974 sowie eine Lizenzierung in die Bundesrepublik wurden gestoppt. Als der visafreie Reiseverkehr zwischen Polen und der DDR später eingestellt wurde, durfte der Film gar nicht mehr gezeigt werden.

Die Filmkritik in der DDR äußerte sich skeptisch bis ablehnend. Zengel vermutet, dass die Rezensenten einer Auseinandersetzung mit den inhaltlichen Themen aus dem Weg gehen wollten, insbesondere dem deutsch-polnischen Verhältnis oder der kritischen Sichtweise auf die Gleichberechtigung.

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Die Darsteller: Karrierebeginn zweier DDR-Stars

Für Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz stand "Die Schlüssel" am Beginn großer Karrieren. Beide hatten bereits vorher viel beachtete Rollen in DEFA-Filmen gespielt: Schwarz in "Ich war neunzehn" (1968), Hoffmann mehrfach mit Regisseur Günther, unter anderem in "Der Dritte" (1971). Bereits 1969 hatten sie gemeinsam mit Manfred Krug in dem Roadmovie "Weite Straßen – stille Liebe" vor der Kamera gestanden.

Jutta Hoffmann, die 2017 den Deutschen Schauspielerpreis erhielt, hat sich mittlerweile weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Jaecki Schwarz wurde später vor allem durch seine Rolle als Sputnik in der Krimiserie "Ein starkes Team" bekannt.

Aktuell ist der Film "Die Schlüssel" in der DEFA-Filmwelt auf YouTube verfügbar und erinnert an ein fast vergessenes Kapitel der deutschen Filmgeschichte, das von politischer Zensur und künstlerischem Mut geprägt war.