Fastentuch aus Teebeuteln: Kolumbianische Künstlerin gestaltet Münchner Dom
Fastentuch aus Teebeuteln schmückt Münchner Dom

Fastentuch aus Teebeuteln: Kolumbianische Künstlerin gestaltet Münchner Dom

Ein außergewöhnliches Kunstwerk schmückt seit Aschermittwoch den Chorraum der Münchner Frauenkirche. Die kolumbianische Künstlerin Lisa Granada hat mit ihrer textilen Installation „Cartografía inconclusa“ („Unvollendete Kartografie“) ein zeitgenössisches Fastentuch geschaffen, das die traditionelle Verhüllung der Kirchenbilder bis Ostern auf innovative Weise interpretiert.

Subtile Präsenz im sakralen Raum

Das hauchdünne, aber erstaunlich konsistente Tuch schwebt hoch oben im Chorraum, positioniert hinter dem monumentalen Kruzifix. Mit Maßen von etwa vier mal zehn Metern fügt sich die Arbeit subtil in den sakralen Kontext ein, obwohl sie nicht explizit für diesen Raum geschaffen wurde. Die 1991 in Bogotá geborene Künstlerin empfindet es als „große Ehre“, als ausländische Künstlerin in den Münchner Dom eingeladen worden zu sein.

Kunst als Zeitmosaik und Upcycling

Bei näherer Betrachtung offenbart sich die besondere Materialität des Werkes: „Cartografía inconclusa“ ist eine Collage, zusammengefügt aus den Hälften tausender verwendeter Teebeutel. Der mal mehr, mal weniger intensive bräunliche Farbton der einzelnen Rechtecke entsteht durch dieses ungewöhnliche Ausgangsmaterial. Für Granada ist diese Sisyphus-Arbeit nicht nur achtsames Material-Upcycling, sondern auch eine Art Zeitmosaik – jedes einzelne Kompartiment steht für eine vergangene Zeiteinheit.

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Künstlerischer Werdegang und thematische Schwerpunkte

Nach ihrem Studium in Bogotá und einem Masterstudium in Grenoble wurde Lisa Granada Meisterschülerin an der Stuttgarter Kunstakademie bei Mariella Mosler. Inzwischen lebt sie mit Atelier und Familie in München. Ein wesentlicher Teil ihres künstlerischen Schaffens besteht darin, Relikte des Alltags auf eine höhere Ebene zu überführen und gemeinschaftliches Handeln performativ zu reflektieren.

Diese kritisch-reflektierte Haltung zeigt sich auch in anderen Projekten der Künstlerin:

  • In „Domino“ schuf sie ein Dominospiel mit Steinen aus Steinkohle, bei dem sich die Spieler zwangsläufig die Finger schmutzig machen
  • Dieses Werk setzte sich nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 mit den Untiefen der Energiepolitik auseinander
  • Granada thematisierte dabei den Widerspruch zwischen früherer Kritik am Kohleabbau in Kolumbien und späteren Importen deutscher Kohle aus genau dieser Region

Persönliche Reflexionen und aktuelle Projekte

Derzeit befindet sich Granada für eine einmonatige Künstler-Residency in der größten Kaffeeanbauregion Kolumbiens. Seit sie Mutter geworden ist, beschäftigt sie sich intensiv mit der Vereinbarkeit von künstlerischer Arbeit und Mutterschaft. Diese Kombination bringe einen dazu, „die eigenen Grenzen zu spüren, zu testen und zu überwinden“, erklärt die Künstlerin.

Aktuell denkt sie viel über das „Impostor-Phänomen“ nach – das Gefühl trotz Kompetenz und Erfolg Selbstzweifel zu haben und Angst, als Betrüger entlarvt zu werden. Im Spagat zwischen künstlerischer und Care-Arbeit fühle man sich oft als Hochstaplerin. Darum stempelt sie in einem fortlaufenden Prozess das Wort „Impostador“ an die Wand, liefert sich selbst Stempel für Stempel den Beweis, dass sie mit ihrer Arbeit noch keineswegs fertig ist.

Die Installation „Cartografía inconclusa“ ist noch bis zum 30. März in der Frauenkirche zu sehen und verbindet auf eindrucksvolle Weise traditionelle Fastenbräuche mit zeitgenössischer Kunst und gesellschaftskritischer Reflexion.

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