Unser Kolumnist zeigt an Beispielen aus der Literatur, wie kraftvoll die deutsche Sprache sein kann. Folge 134: Annemarie Schwarzenbachs Faszination für Persien.
Erst gegen sechs Uhr begann die Dämmerung. Ketten tauchten auf und versammelten sich, vom dunklen Violett und fast schwarzer Stahlfarbe bis zum Gelb und zarten Blau. Fast in Wolken aufgelöst, trat – zweihundert Kilometer entfernt – endlich der Demawend hervor. Wir warteten auf einem Hügel, bis die Sonne, durch Feuergarben angekündigt, schwarz kreisend über dem roten Rand der Erde aufstieg. – Annemarie Schwarzenbach, Persepolis. In: Orientreisen. Reportagen aus der Fremde
Vielleicht ist diese unter den großen Fragen die allergrößte: Warum wollen wir Menschen eigentlich immer weg von dort, wo wir gerade sind? Warum glauben wir, dass es woanders schöner ist? Wozu das ganze Verreisen, Umherfahren, Erkunden – wenn man sich doch in der Fremde beinahe überall so fremd fühlt wie daheim? Die Reisereporterin Annemarie Schwarzenbach, 1908 in Zürich als Tochter eines reichen Seidenfabrikanten geboren, kannte beides: das nur scheinbar zielgerichtete Aufbrechen, das, wie jeder Reisende weiß, vor allem eine Fluchtbewegung ist. Und das nur scheinbar ziellose Umherfahren, das in Wahrheit fast immer eine Suchbewegung beschreibt.
Schwarzenbach fand ihre Lieblingsfremde in Persien, dem heutigen Iran. 1933 war sie zum ersten Mal dort und im Spätsommer 1934 gleich noch einmal, immer mit dem Auto. „Das Land ist zu groß“, schrieb sie überwältigt an Klaus Mann, mit dem sie befreundet war und der ihre Gier nach dem Fremden und wohl auch ihre Sehnsucht nach dem Unbestimmten teilte: „Was es auch sei, es wächst mir über den Kopf.“ Kann es sein, dass Iran unter allen fremden Ländern eines der fremdesten ist? Rätselhafte Städte und ungeheure Wüsten, dazu Kargheit, Ödnis und das unbestimmte Gefühl, das Licht scheine irgendwie intensiver auf diese Welt: Immer ist die Dunkelheit schwärzer und die Helligkeit gleißender als daheim.
Das Erste, was einem in jeder Fremde auffällt: dass die Farben anders sind als zu Hause. Satter irgendwie, kühner aufgetragen, eigenartig kombiniert. „Durchsichtiger Dunst lag über der Ebene“, schreibt Schwarzenbach. „Die Felsen waren noch grau von der Nacht, aber die Berge am Rand der Welt schwebten losgelöst wie große Segelschiffe durch das Meer des beginnenden Tages. Als die Sonne aufging, glänzte unten der Fluß wie ein schwarzer Spiegel.“ Hinzu kommt, dass die Fremde dem Fremden fremder wird, je näher er ihr kommt – ähnlich wie ein Gemälde, das sich in Tupfer, Striche, Kontraste und Farbflächen auflöst, wenn man nur dicht genug herantritt.
Das Hochbecken, aus dem sich der Demawend erhebt, der höchste Berg Irans, erinnert Schwarzenbach in der Klarheit seines Lichts ans Engadin. Persien erscheint ihr vertraut und exotisch zugleich, eine vorzeitliche, unbehauste Schweiz. „Die Erde wurde gelb“, schreibt sie. „Der blasse Himmel senkte sich plötzlich wie ein schwerer Baldachin, unter welchem alles Leben erstickte, und im rasch hereinbrechenden Abend färbte er sich violett und schwefelgelb, rotbraun, feuerrot …“ Persien ist farbig, das ist etwas völlig anderes als bunt. Hinzu kommt, dass Schwarzenbach morphiumabhängig ist. Die Rauschzustände lassen sie die Farben noch deutlicher als ohnehin schon erleben; innere und äußere Landschaft schieben sich ineinander.
Lebloses belebt sich (Gebirgsketten versammeln sich), die Sonne sieht Schwarzenbach „schwarz kreisend über dem roten Rand der Erde“. Und hat je jemand den frühen Morgen präziser und zugleich poetischer beschrieben als Schwarzenbach, den raschen Lichtwechsel „vom dunklen Violett und fast schwarzer Stahlfarbe bis zum Gelb und zarten Blau“? (Das zweite „fast“, das folgt, hätte Klaus Mann ihr möglicherweise gestrichen.)
Im Juni 1939 brach sie erneut auf. Zusammen mit einer Freundin fuhr sie von Genf durch den Nordiran nach Afghanistan, immer noch morphiumabhängig, immer noch auf der Suche. Fünf Jahre später war sie tot, gestorben mit nur 34 Jahren an den Folgen eines Fahrradunfalls – sie stürzte nicht in den Hochebenen Persiens, sondern, seltsame Pointe, im Engadin, wo sie zu Hause war. Die Perser, hatte sie geschrieben, „verraten heute eine Genügsamkeit, wie sie Völkern eigen ist, die eine große Aufgabe hatten und ihre Rolle erfüllten, und nun bereit sind, in den großen Schoß der Geschichtslosigkeit zurückzukehren.“ Wer sie zu etwas zwingen oder auch nur mit ihnen verhandeln will, muss wissen, dass Genügsamkeit nicht dasselbe ist wie Gleichgültigkeit.
Die Perser, schreibt Schwarzenbach, seien heute noch, wenigstens in religiösen Gefühlen, „eines Fanatismus fähig, der wie ein Aufflackern bedrohter und im Kern schon angegriffener Energien ist“.



