Marina Abramović: Eine Ikone der Performancekunst findet mit 80 zur sexuellen Befreiung
Die weltberühmte Performancekünstlerin Marina Abramović präsentiert derzeit eine neue Ausstellung in Berlin. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur betont die bald 80-Jährige, dass sexuelle Lust und Lebendigkeit im Alter keineswegs verschwinden. "Ich werde in diesem Jahr 80 und alle sagen, dass Frauen diese Gefühle schon mit der Menopause nicht mehr haben. Und ich möchte zeigen, dass das Unsinn ist", erklärt Abramović entschieden. Für sie ist dies eine zentrale Botschaft an Frauen weltweit.
Die Ausstellung 'Balkan Erotic Epic' im Gropius Bau
Nach Angaben des Gropius Baus handelt es sich bei der Schau um die erste große Einzelausstellung der Künstlerin in Berlin seit den 1990er Jahren. Die Ausstellung "Balkan Erotic Epic" setzt sich intensiv mit Themen wie Erotik, Kommunismus, Heidentum und der Folklore des Balkans auseinander. Abramović greift dabei alte Rituale auf, beispielsweise ein Ritual, bei dem Frauen den Göttern ihre Vagina entgegenstreckten, um die Ernte zu retten und den Regen zu stoppen.
Die Schau vereint neue und alte Werke, darbeiten Performances, in denen sich die Künstlerin einen Stern in den Bauch ritzte oder sich in eine brennende Installation legte, bis sie bewusstlos wurde. Die Arbeiten behandeln sexuelle Energie als Lebenskraft, das Sterben, die politische Dimension des Körpers und die Jugoslawienkriege.
Warum Abramović nicht mehr jung sein möchte
Auf die Frage, ob sie gerne noch einmal jung wäre, antwortet Abramović deutlich: "Nein. Oh mein Gott, ich habe so viel gelitten". Sie erklärt, dass man in der Jugend emotional unreif sei und aus idiotischen Gründen leide. "Später verstehe man dann, dass man damit seine Zeit verschwendet habe". Die Künstlerin erinnert sich an ihre eigene Jugend, in der sie sich eingeschüchtert, hässlich und schamhaft für ihren Körper fühlte.
Die Befreiung kam durch ihre Kunst: Als sie erstmals bei einer Performance ihre Kleidung vor Publikum ablegte, änderte sich alles. "Es war mir egal, ob ich dick oder hässlich oder dünn oder was auch immer war". Heute schwimmt sie am liebsten nackt in ihrem Pool und hat keinerlei Probleme mehr mit ihrem Körper.
Emotionaler Abstand und die Weisheit des Alters
Für die Umsetzung des Projekts "Balkan Erotic Epic" benötigte Abramović lange Zeit, um genug emotionalen Abstand zum Balkan zu gewinnen. "Man braucht die Weisheit des Alters", betont die in Belgrad geborene Künstlerin, die ihre Heimat später verließ. In jungen Jahren sei man im Chaos gefangen und könne nicht klar sehen. Für sie stellt dieser Werkzyklus den wichtigsten und persönlichsten ihrer gesamten Karriere dar.
Ein Appell an die Liebe und die Befreiung von Ängsten
Abramovićs Mutter habe ihr früher eingeprägt, dass Sex etwas Unanständiges sei. "Alles war verboten". Die Künstlerin musste sich auf hartem Weg davon befreien. Ihr Rat an andere: "Man macht es einfach. Habt keine Angst, euch zu verlieben". Sie kritisiert, dass die jüngere Generation heute Angst vor Bindungen und Berührung habe. "Sie haben Angst, sich zu verlieben und den Schmerz zu spüren".
Die Ausstellung habe fast etwas Therapeutisches, besonders in Zeiten von Erderwärmung und Kriegen. "Um zu erkennen, woher diese Energie eigentlich stammt und wie wir wieder Hoffnung und Überlebenswillen finden können", so Abramović abschließend.



