Ovids Metamorphosen: Die ewige Inspiration für die Kunst
Was wäre die westliche Kunst ohne die phänomenalen Verwandlungsgeschichten des römischen Dichters Ovid? Ohne die faszinierenden Figuren wie Leda, Orpheus oder Medusa wäre sie zweifellos weit weniger aufregend und vielfältig. Diese fundamentale Bedeutung führt aktuell eine grandiose Schau im Amsterdamer Rijksmuseum mit überwältigender Deutlichkeit vor Augen. Die Ausstellung versammelt 80 Meisterwerke aus verschiedenen Epochen, die alle von Ovids berühmtem Werk „Metamorphosen“ inspiriert wurden.
Der schlafende Hermaphrodit als Star der Ausstellung
Ein besonderer Publikumsmagnet ist der „Schlafende Hermaphroditus“ aus dem Pariser Louvre, dessen Ausleihe als kleines Wunder betrachtet werden kann. Diese antike Skulptur wurde 1618 in Rom ausgegraben und erhielt später von Gian Lorenzo Bernini eine kunstvoll gestaltete Matratze als Unterlage. Die marmorne Figur präsentiert sich zunächst als träumende weibliche Schönheit, die dem Betrachter lässig verspielt ihr Hinterteil zuwendet. Erst beim Umrunden offenbaren sich die männlichen Merkmale dieser zwittrigen Darstellung. Die Skulptur erregt im Rijksmuseum ähnlich viel Aufmerksamkeit wie Rembrandts berühmte Nachtwache und passt perfekt in unsere gegenwärtige Diskussion über Geschlechteridentitäten.
Jupiters amouröse Abenteuer in der Renaissance
Nach der Bibel gibt es in der abendländischen Kultur keine Textsammlung, die die Kunst so nachhaltig beeinflusst hat wie Ovids Metamorphosen. Besonders die amourösen Abenteuer des Göttervaters Jupiter boten Künstlern die Möglichkeit, allerlei Frivolitäten darzustellen, ohne direkt anecken zu müssen. Der römische Dichter hatte im ersten Jahrzehnt nach Christus etwa 250 griechische und römische Verwandlungssagen in einem 15-bändigen Opus Magnum zusammengefasst.
Correggios Gemälde „Io“ von 1531 zeigt den Moment, in dem Jupiter die schöne Io in Wolkenform übermannt. Während sich aus der Nebelmasse bereits ein Gesicht herausschält, das die Auserwählte bereitwillig küsst, greift eine nebulöse Pranke schon um ihre Hüften. Michele Tosinis „Leda“ zwischen 1560 und 1570 präsentiert Jupiter in Schwanengestalt, der allerdings eher einer Gans ähnelt. Selbst Michelangelo wagte sich an die Darstellung des Zeugungsakts und ließ den Göttervater mit Leda schnäbeln, auch wenn dieses Gemälde nur in Kopien überliefert ist.
Medusa zwischen Opfer und Ungeheuer
Besonders faszinierend ist die vielschichtige Darstellung der Medusa in der Ausstellung. Der Mythos erzählt, dass die einst schöne junge Frau von Neptun in einem Tempel der Minerva vergewaltigt wurde. Anstatt zu helfen, bestrafte die erzürnte Göttin das Opfer, indem sie Medusa in ein Ungeheuer mit tödlichem Blick und Schlangenhaaren verwandelte.
Die niederländische Künstlerin Juul Kraijer interpretiert diese Geschichte in einer raumfüllenden Videoinstallation auf ganz eigene Weise. Über das makellose Gesicht einer jungen Frau kriechen lebendige Schlangen – so könnte Medusa vor ihrer Verwandlung ausgesehen haben. Die Betrachter reagieren zunächst irritiert und leicht angeekelt, können ihren Blick aber bald nicht mehr von der hypnotischen Darstellung wenden. Hubert Gerhards monumentale Skulptur aus der Münchner Residenz zeigt dagegen den triumphierenden Perseus mit dem abgeschlagenen Haupt der Medusa.
Von Arachne bis Narziss: Strafen und Selbstreflexion
Nicht alle Verwandlungen in Ovids Werk sind erotischer Natur. Die talentierte Weberin Arachne forderte Minerva zu einem Wettstreit heraus und bezahlte ihren Frevel teuer: Sie wurde in eine Spinne verwandelt. Tintoretto, selbst Sohn eines Webers, hat diese Geschichte in einem Gemälde festgehalten, während Louise Bourgeois das Thema mit ihren riesigen Bronzespinnen aufgreift.
Caravaggios berühmter „Narcissus“ von 1597/98 gehört zu den eindringlichsten Darstellungen des selbstverliebten Jünglings. In unserer heutigen Selfie-Kultur findet Narziss' Selbstbespiegelung eine zeitgemäße Entsprechung auf Smartphone-Bildschirmen. Ein emaillierter Augsburger Becher aus dem 16. Jahrhundert führt gleich mehrere Metamorphosen vor Augen und ordnet sie kunstvoll um einen Baum an. Winzig klein zupft Orpheus seine Leier und verzaubert die gesamte Natur, während drumherum die Geschichte der Welt erzählt wird.
Zeitlose Aktualität antiker Mythen
Die Ausstellung demonstriert überzeugend, wie zeitlos aktuell Ovids Geschichten geblieben sind. Liebe, Hass, Eifersucht, Gewalt und Verwandlung gehören zum menschlichen Dasein wie eh und je. Die Natur selbst ist ein ständiges Werden und Vergehen, das Ovid meisterhaft in literarische Form goss. Die Schau zeigt nicht nur die künstlerische Rezeption dieser Mythen, sondern regt auch zum Nachdenken über unsere eigene Gegenwart an.
„Metamorphoses“ ist noch bis zum 25. Mai im Rijksmuseum Amsterdam zu sehen und wandert anschließend vom 22. Juni bis 20. September in die Galleria Borghese nach Rom. Der begleitende englische Katalog umfasst 352 Seiten und kostet 40 Euro.



