Saar-Tatort: Shakespeares Tragödie in grauer Grubenstadt
Schon wieder Shakespeare im deutschen Sonntagskrimi: Nach dem Ludwigshafener Team versucht sich nun die Saar-Truppe an einer Modernisierung von »Romeo und Julia«, dieses Mal vor der düsteren Kulisse einer alten Grubenstadt. Der ARD-Tatort mit dem Titel »Das Böse in Dir« erzählt eine Geschichte über junge Liebe und veraltete Familienkonflikte, die in einer provinziellen Enge ersticken.
Das Szenario: Familie als Fluch und Rückkehr in die Vergangenheit
Kommissarin Baumann, gespielt von Brigitte Urhausen, muss für Ermittlungen in einem Messermordfall in ihr Heimatdorf an der deutsch-französischen Grenze zurückkehren. Aus diesem Ort ist sie einst geflohen, nachdem ihre Teenagerliebe zu einer Schulfreundin scheiterte. Seitdem hat sich wenig verändert: Zwei verfeindete Sippen vergiften weiterhin die Atmosphäre in dem ehemaligen Grubenort. Neben dem aktuellen Mord stößt Baumann auf einen älteren, unaufgeklärten Todesfall – ein Mädchen starb im Wald nach einem Treffen mit ihrer geliebten Freundin. Für die Kommissarin spiegelt sich darin ihr eigenes Adoleszenz-Martyrium wider.
Der Clou: Queere Neuinterpretation von Shakespeare
Erst im November hatte sich das Team um Kommissarin Odenthal an einer ähnlichen Liebestragödie orientiert. Im Saar-Tatort zitiert Kommissar Schürk, dargestellt von Daniel Sträßer, mit Blick auf die Familienfehde: »Was ist das nur mit den Montagues und Capulets?« Die queere Weiterdrehung Shakespeares ist lobenswert, doch die Aneinanderreihung zweier identischer lesbischer Liebestragödien macht die Klassikererneuerung schwerfällig und wenig innovativ.
Das Bild: Zeitlosigkeit und Provinzenge
Die Kneipenszenen des Tatorts wirken wie eine Reise in die Vergangenheit. In einer Gastwirtschaft, die aus dem letzten Jahrhundert stammen könnte, treffen sich die Männer der verfeindeten Sippen, um sich gegenseitig ins Bier zu spucken. Selbst die Bockwürste im Wärmer sehen aus, als wären sie seit Jahrzehnten dort deponiert – ein Symbol für die Stagnation und Rückständigkeit des Ortes.
Der Auftritt: Gescheiterter Strukturwandel in Person
Robert Nickisch verkörpert Sven Baumann, den zurückgebliebenen Bruder der Kommissarin. Als White-Trash-Figur personifiziert er den gescheiterten Strukturwandel: Er vegetiert im Schlafzimmer seiner verstorbenen Eltern, hängt Verschwörungsmythen an und kontert die Ekelbekundungen seiner Schwester mit lakonischen Sprüchen wie »Ist ein gutes Bett«. Seine Rolle unterstreicht die psychischen Probleme und die Hoffnungslosigkeit, die den Tatort prägen.
Die Bewertung: Leicht überfrachteter Hinterwäldler-Krimi
Mit nur 4 von 10 Punkten fällt die Bewertung des Saar-Tatorts durchwachsen aus. Die Kombination aus junger Liebe und alten Würstchen – im wörtlichen und übertragenen Sinne – wirkt überfrachtet. Trotz ambitionierter Ansätze bleibt der Krimi in Klischees und wenig subtilen Hinweisen auf sexualpolitische Enge stecken, unterstrichen durch den Song »Smalltown Boy« von Bronski Beat, der in der Kneipe läuft und zur Flucht aus der Provinz aufruft.
Insgesamt bietet der Tatort eine interessante, aber nicht vollständig gelungene Modernisierung eines Klassikers, eingebettet in die düstere Atmosphäre des Saarlands.



