Die „Barbie des Sozialismus“ feiert 60. Geburtstag
Mit einem schlanken Kunststoffkörper, kühlem Blick und synthetischem Haarschopf eroberte sie vor sechs Jahrzehnten die Kinderzimmer der DDR: Die Modepuppe Steffi, offiziell als T30 bezeichnet, war die sozialistische Antwort auf die amerikanische Barbie und die westdeutsche Petra. Heute, 60 Jahre nach Produktionsbeginn, ist die 30 Zentimeter große Teenagerpuppe längst nicht mehr im Spielwarenregal zu finden, sondern lebt in Museen, Kindheitserinnerungen und begehrten Privatsammlungen weiter.
Von Waltershausen in die Welt
Die Produktion der Steffi-Puppe begann 1966 im Volkseigenen Betrieb Puppenfabrik Biggi in Waltershausen am Thüringer Wald, das lange Zeit als Zentrum der Puppenherstellung galt. Interessanterweise soll Entwicklerin Margot Schmied, ähnlich wie Barbie-Erfinderin Ruth Handler, die Puppe nach ihrer eigenen Tochter benannt haben – dies ergaben Archivrecherchen des Heimatmuseums Schloss Tenneberg in Waltershausen.
Während Barbie 1959 auf einer amerikanischen Spielzeugmesse debütierte und von der sexualisierten Comicfigur Bild-Lilli inspiriert war, entwickelte sich Steffi zu einem eigenständigen Phänomen mit charakteristischem Erscheinungsbild.
Ein eigenständiges Ästhetikkonzept
Das Deutsche Patent- und Markenamt beschreibt die Steffi-Modelle als „reifer und damenhafter“ wirkend im Vergleich zur Barbie. Ihr typisches Make-up mit dick aufgetragenem Eyeliner und grell leuchtend blauem oder türkisfarbenem Lidschatten entsprach genau der Mode der Sechzigerjahre und verlieh der Puppe einen strengeren, aber zeittypischen Ausdruck.
Puppenexpertin Bettina Dorfmann, die sowohl eine umfangreiche Barbie-Sammlung als auch zahlreiche Steffi-Exemplare besitzt, betont: „Während Barbie schnell ein moderneres, jugendlicheres Gesicht erhielt, blieb Steffis Antlitz über die Jahre hinweg gleich.“ Besonders hervorzuheben ist die qualitativ hochwertige Föhnfrisur aus Kunsthaar, die laut Dorfmann „nicht so schnell verfilzte“.
Körperbild und Bekleidungsvielfalt
Manche Betrachter empfinden Steffis Körper als plumper oder kräftiger im Vergleich zur Barbie, mit einer aus heutiger Sicht ungewöhnlich hohen Stirn. Andere sehen darin eine realitätsnähere Darstellung einer erwachsenen Frau. Die Frage nach sozialistischen Körperidealen stellt sich angesichts der unterschiedlichen Proportionen beider Puppen.
Das Patentamt bezeichnet rückblickend Steffis Garderobe als „erstaunlich vielfältig, schick und überwiegend alltagstauglich“. Zwar gab es Modelle mit Uniformen, die an Stewardessen der DDR-Fluggesellschaft Interflug erinnerten, doch die Berufswelt erschien bei Steffi nicht so vielfältig wie im Barbie-Universum.
Fortschrittliche Aspekte und Sammlerwert
In einem Punkt war Steffi ihrer kapitalistischen Cousine vielleicht voraus: Schon früh wurde die Puppe in verschiedenen Hautfarben produziert. Während es im Barbie-Universum zwar zuvor schon Modelle in schwarzer Hautfarbe gegeben hatte, kam die erste offiziell als schwarz bezeichnete Barbie erst 1980 auf den Markt.
Ursprünglich kostete eine Steffi-Puppe 16 DDR-Mark – zum Vergleich: Hausschuhe gab es für elf Mark. Heute schwankt der Wert je nach Zustand zwischen 20 und 200 Euro. „Entscheidend für den Preis ist, ob die Puppe bespielt wurde, Originalkleidung trägt, welchen Haarschnitt sie hat und ob noch ein Original-Karton dabei ist“, erklärt Dorfmann. Die meisten Sammler hätten bereits als Kind mit der Puppe gespielt.
Export und heutige Bedeutung
Nicht alle Puppen fanden den Weg in ostdeutsche Kinderzimmer. Laut Patentamt wurde Steffi häufig exportiert und auch Staatsgästen als Geschenk überreicht, da DDR-Spielzeug als wichtiger Devisenbringer galt.
Nach der Wende erlebte das Puppenwerk in Waltershausen zwei große Entlassungswellen. Heute zeugt das Heimatmuseum im Schloss Tenneberg von der langen Puppentradition der Region, und sowohl dort als auch im Deutschen Spielzeugmuseum in Sonneberg gehören Steffi-Puppen zur Sammlung.
Die heutige Steffi LOVE-Puppe der Simba-Dickie-Gruppe hat übrigens nichts mit der DDR-Steffi zu tun – der Name geht laut Herstellerangaben einfach auf den damals beliebten Mädchenvornamen zurück.



