Das große Verlagssterben im Osten und seine Folgen für die kulturelle Identität
Die deutsche Verlagslandschaft zeigt ein dramatisches Ungleichgewicht: Während in den alten Bundesländern etwa 1400 Verlage aktiv sind, existieren in den neuen Bundesländern heute nur noch rund 130 Verlage. Diese Diskrepanz hat tiefgreifende Auswirkungen auf die kulturelle Vielfalt und Meinungsbildung in Deutschland.
Jahrzehntelange Recherche zum Verlagssterben
Christoph Links, selbst erfahrener Verleger, beschäftigt sich seit mindestens zwölf Jahren mit diesem Phänomen. Seine umfangreichen Forschungen haben nun in dem Buch „Verschwundene Verlage“ ihren Niederschlag gefunden, das sich der wechselvollen Geschichte der DDR-Verlage widmet. Am Donnerstagabend, dem 26. März, wird er seine Erkenntnisse in der „anderen buchhandlung“ am Doberaner Platz in Rostock präsentieren.
„Mir ist damals aufgefallen, als ich meinen eigenen Verlag anmelden musste, dass es insgesamt nur etwa 78 Verlage im Osten gab“, erinnert sich Links an die Zeit nach der Wende. „Im Westen waren es damals 2000.“ Von diesen ostdeutschen Verlagen hätten die politischen und wirtschaftlichen Umbrüche „kaum ein Dutzend“ überlebt.
Dreifacher Niedergang der ostdeutschen Verlagslandschaft
Der Niedergang der Verlage im Osten vollzog sich in mehreren Phasen:
- Die rigide Lizenzpolitik im Rahmen der Denazifizierung und beim „Aufbau des Sozialismus“ in den 1950er-Jahren
- Die verschärfte staatliche Konzentration aller Verlage Anfang der 1960er-Jahre
- Die wenig vorausschauende Privatisierungspolitik der Treuhandanstalt nach der Wende
Links betont: „Die ostdeutsche Verlagsszene wurde entkernt. Und mit ihr ging auch ein wichtiger Teil der geistigen und kulturellen Vielfalt verloren.“
Konkrete Schicksale: Vom Leuchtturm zum Verlagssterben
Am Beispiel des Schweriner Friedrich Bahn Verlags zeigt Links die Mechanismen der DDR-Verlagspolitik auf. Der 1891 gegründete Verlag war vor 1933 einer der größten christlichen Verlage Deutschlands. In der DDR sollte es jedoch nur einen einzigen evangelischen Verlag geben – die Evangelische Verlagsanstalt in Berlin. Für die Katholiken war der St. Benno Verlag in Leipzig vorgesehen. Daher wurde Bahn 1951 die Lizenz verweigert, woraufhin der Eigentümer in den Westen abwanderte.
„Es ging darum, dass jeder Verleger ein klar abgegrenztes Profil erhält“, erklärt Links die Strategie. „Dann hatte er nämlich das ganze Vertriebsgebiet als Monopolist für sich allein und konnte gute Gewinne machen.“
Ideologische Zwänge und erzwungene Fusionen
Besonders deutlich werden die ideologischen Zwänge am Beispiel des Feldberger Peter-Paul-Kinderbuchverlages. Nach anfänglichen Erfolgen wurde der Verlag zum Konkurrenten des SED-eigenen Kinderbuchverlages. Das Regime warf dem Verlag vor, in einem Bilderbuch über Störche „zu wenig die demokratischen Errungenschaften auf dem Lande“ darzustellen. Dies führte schließlich zum Entzug der Zulassung.
Daneben gab es zwangsverordnete Fusionen, wie die Angliederung des Schweriner Petermänken-Verlages von Willi Bredel an den Rostocker Traditionsverlag Hinstorff im Jahr 1964. Hinstorff gehört zu den wenigen Verlagen im Osten, die sich nachhaltig behaupten konnten – auch dank einer verantwortungsvollen Privatisierung durch die Heise-Mediengruppe aus Hannover nach der Wende.
Bis heute spürbare Auswirkungen
Die Folgen dieser Entwicklung sind bis heute deutlich spürbar: Laut Links werden heute weniger als fünf Prozent der deutschen Buchproduktion von ostdeutschen Verlagen verantwortet. „Das ist nicht nur ein wirtschaftliches Problem, sondern auch ein gesellschaftlich-kulturelles“, betont der Verleger. „Eine offene, demokratische Gesellschaft braucht vielfältige Stimmen aus dem Osten – das gilt auch für die Buchbranche.“
Die Veranstaltung mit Christoph Links findet am 26. März um 20 Uhr in der anderen buchhandlung in Rostock statt. Der Eintritt beträgt 12 Euro (ermäßigt 10 Euro).



