DDR-Filmlegende: Wie Wittenberge zur heimlichen Kulisse von 'Karbid und Sauerampfer' wurde
Wittenberge: Geheime Kulisse des DDR-Kultfilms 'Karbid und Sauerampfer'

Die geheime Liaison zwischen Wittenberge und einem DDR-Filmklassiker

Die Kleinstadt Wittenberge in der Prignitz verbindet eine besondere Beziehung zu einem der legendärsten Filme der DDR. Als 1965 der DEFA-Klassiker „Karbid und Sauerampfer“ seine Premiere feierte, war das Kino Capitol bis auf den letzten Platz gefüllt. Mittendrin: der damals 13-jährige Jürgen Schmidt, der dieses Ereignis bis heute nicht vergessen hat.

Eine Filmpremiere mit Starbesetzung

„Unsere Eltern nahmen mich mit zur Premiere, und plötzlich stand Erwin Geschonneck selbst auf der Bühne“, erinnert sich Schmidt, der 1952 in Wittenberge geboren wurde und seiner Heimatstadt bis heute als Stadtführer treu geblieben ist. Neben dem Hauptdarsteller sollen auch weitere Schauspieler des Films anwesend gewesen sein, darunter vermutlich Marita Böhme, die die weibliche Hauptrolle der Karla verkörperte.

Dass ausgerechnet Wittenberge den Ort für diese besondere Filmpremiere bot, hatte einen konkreten Grund: Teile des 1963 gedrehten Films entstanden in der Nähe der Elbestadt. Im Film versucht der von Geschonneck gespielte Karl Blücher – von allen nur Kalle genannt – im Frühjahr und Sommer 1945, dringend benötigtes Karbid aus Wittenberge zu beschaffen, um es nach Dresden zu bringen.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Authentischer Drehort mit historischem Hintergrund

„Es gab in den 1940er-Jahren tatsächlich eine kleine Karbid-Bude in unserer Stadt“, erklärt Jürgen Schmidt. „Diese Klitsche lag in der Nähe des Reichsbahnausbesserungswerkes.“ Im Film fällt mehrfach der Name Wittenberge, und Kalles Schwager arbeitet angeblich im dortigen Karbidwerk.

Die im Film gezeigte Fabrik trägt die Bezeichnung „Karbidwerk“ beziehungsweise „Karbid, Kalk & Zement. Mayer, Müller & Co.“. Kalles Herausforderung besteht darin, sieben Fässer Karbid – jedes einen Zentner schwer – ohne Fahrzeug nach Dresden zu transportieren. Die erste Etappe bewältigt er mit dem Pferdewagen der jungen Karla, in die er sich prompt verliebt.

Subtile Gesellschaftskritik im Gewand der Komödie

Regisseur Frank Beyer versteckte in dem scheinbar leichten Film einige brisante Sequenzen, die in der DDR offiziell nicht gern gesehen wurden. Gleich zu Beginn begegnet Kalle einem Treck von Flüchtlingen aus den ehemaligen Ostgebieten Deutschlands – ein Thema, das in der DDR bis 1989/90 tabuisiert und dessen Betroffene als „Umsiedler“ bezeichnet wurden.

Zudem versteckt sich Kalle vor vorbeirasenden sowjetischen Soldaten, da er lieber läuft, als von der Roten Armee mitgenommen zu werden. Interessant ist auch die Charakterisierung des Protagonisten als „Rohköstler“ – ein Vegetarier, der angesichts der Nahrungsmittelknappheit in der Nachkriegszeit leichter durchkommt.

Eine 400 Kilometer lange Odyssee

Auf seiner langen Reise nach Dresden muss sich Kalle gegen Russen und Amerikaner, gegen Polizei und Gauner durchsetzen, um das wertvolle Karbid bis zur demolierten Zigarettenfabrik zu bringen. Am Ende gelingt es ihm, zwei von sieben Fässern zu retten, und seine Kumpel begrüßen ihn wie einen Helden. Allerdings erfährt er in Dresden auch, dass die kurze Liaison mit Karla ein folgenreiches Nachspiel hat.

Ein Film mit überregionaler Anerkennung

„‚Karbid und Sauerampfer‘ zählt zu den schönsten und erfolgreichsten DEFA-Komödien“, schätzt Pitt Herrmann von der Filmplattform filmportal.de ein. „Frank Beyer hat sie Erwin Geschonneck auf den Leib geschneidert.“ Selbst der in Westberlin erscheinende Tagesspiegel lobte den DEFA-Streifen 1973: „Hier wird Komik nicht als Surrogat aus der Traumfabrik geboten, sondern ist aus einer Realität gewonnen, die die meisten Zuschauer noch miterlebt haben.“

Für Erwin Geschonneck, der bereits vor diesem Film ein Star in der DDR war und zahlreiche Theaterrollen – unter anderem am Berliner Ensemble bei Bertolt Brecht – gespielt hatte, wurde Kalle zu einem seiner größten Publikumserfolge. Die Rolle trug maßgeblich dazu bei, dass Geschonneck zu einem der beliebtesten Volksschauspieler in der DDR wurde.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Wittenberge als dauerhafter Filmstandort

Nach der Wende entwickelte sich Wittenberge weiter zu einem beliebten Drehort. „Immer, wenn bei uns was abgerissen wurde, kamen die Filmleute“, berichtet Jürgen Schmidt. Zu den Produktionen, die hier entstanden, gehören „Der Verleger“ mit Heiner Lauterbach (2001), „Crazy Race 2 – Warum die Mauer wirklich fiel“ (2004), „Kleinruppin forever“ (2004) sowie der TV-Zweiteiler „Neger, Neger, Schornsteinfeger“ (2006) mit Veronica Ferres und „Yella“ mit Nina Hoss.

Für Filmscouts bietet Wittenberge als typisch ostdeutsche Kleinstadt authentische Kulissen, die die besondere Atmosphäre der Region einfangen. Damit setzt die Stadt eine Tradition fort, die mit „Karbid und Sauerampfer“ ihren Anfang nahm und bis heute lebendig bleibt.