Wie 90er-Jahre-Girlbands den Feminismus prägten: Literarische Performance in Rostock
90er-Jahre-Girlbands prägten Feminismus: Performance in Rostock

Wie 90er-Jahre-Girlbands den Feminismus prägten: Literarische Performance in Rostock

Im Literaturhaus Rostock gastierte am Mittwochabend die literarische Girlband No Scribes und verwandelte eine klassische Lesung in eine mitreißende Pop-Performance. Die drei Schriftstellerinnen Raphaëlle Red, Alisha Gamisch und Paula Fürstenberg spüren den Einflüssen von Popgruppen wie den Spice Girls, Destiny's Child oder den Skandal-Rapperinnen Tic Tac Toe nach und zeigen, wie diese Bands feministische Diskurse geprägt haben.

Von der Karaoke-Party zur literarischen Girlband

Die Idee zu No Scribes entstand während einer Karaoke-Party im Rahmen der Leipziger Buchmesse. „Warum gibt es eigentlich keine literarischen Bands?“ – diese Frage trieb die drei Autorinnen um. Monatelang arbeiteten sie daran, herauszufinden, wie eine literarische Girlband überhaupt aussehen könnte. Herausgekommen ist eine Textcollage, eine Montage aus individuellen und kollektiven Schreibprozessen, die mittlerweile als erfolgreiche „literarische Show“ auf Tour ist und von Lena Brasch gemanagt wird.

Spice Girls: Zwischen Kapitalismus und Empowerment

Die Spice Girls gelten oft als Sinnbild eines ausverkauften Feminismus, doch No Scribes wählt einen differenzierteren Blick. „Die Band hat den Ruf, superkapitalistisch zu sein und feministische Diskurse zu verwässern“, erklärt Alisha Gamisch. Doch im Rahmen der damaligen Möglichkeiten hätten Mitglieder wie Mel B bereits in den 90er-Jahren klare Kante gegen Rassismus gezeigt – in einer Zeit, als die Musikindustrie wesentlich weniger sensibilisiert war als heute.

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Die Bandmitglieder wurden wie „fünf Geschmackssorten“ gecastet: Posh, Scary, Sporty, Baby und Ginger. „Klar, war diese Diversität damals mega inszeniert und folgte einer reinen Marktlogik“, so Raphaëlle Red. Doch trotz dieser platten Logik waren die Spice Girls ungebändigt, forderten zu Individualität auf und stärkten den Zusammenhalt.

Tic Tac Toe: Selbstbewusste Aufklärung durch Rap

Auch die Rap-Gruppe Tic Tac Toe, drei selbstbewusste, junge, schwarze Frauen, thematisierte in fast all ihren Liedern wichtige Themen wie Safer Sex oder Selbstbestimmung. Ihre Texte waren oft mit Schimpfworten gespickt, was von den Medien als unverschämt wahrgenommen wurde. „Tatsächlich aber war das gesungene Aufklärung“, betont Alisha Gamisch. Die Band brachte gesellschaftlich relevante Botschaften in den Mainstream und ermutigte junge Frauen, für ihre Rechte einzustehen.

Literatur neu denken: Performance statt Podium

No Scribes bricht bewusst mit traditionellen Literaturkonzepten. Statt einsam auf dem Podium zu sitzen und vorzulesen, performen sie gemeinsam und schaffen eine kollektive Erinnerung. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Rostocker Queerfeministischen Wochen statt – kein Zufall, denn die Band möchte zeigen, dass Literatur mehr ist als das Buch in der Hand.

„Es ist eher ein gemeinsamer, teils nostalgischer Spaß“, meint Raphaëlle Red. „Halb denkt man ‚Ja, das war ich‘, mit einer Prise Fremdscham über das damalige Ich. Halb erkennt man, dass die Bands tatsächlich unglaubliche Spuren hinterlassen und Selbstvertrauen und Hoffnung gespendet haben.“

Die Performance von No Scribes ist eine Hommage an die Popkultur der 90er-Jahre und deren bleibenden Einfluss auf feministische Diskurse. Sie zeigt, wie Girlbands damals Rollenbilder prägten und bis heute nachwirken – eine kraftvolle Verbindung von Literatur, Performance und gesellschaftlicher Reflexion.

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