Max Frischs verschollener Abituraufsatz nach fast 100 Jahren wiederentdeckt
Frischs Abituraufsatz nach 100 Jahren gefunden

Literarische Sensation: Max Frischs Abiturarbeit nach Diebstahl wieder aufgetaucht

Fast ein Jahrhundert lang galt der Deutschaufsatz, den der damals 19-jährige Max Frisch 1930 an seinem Zürcher Realgymnasium verfasste, als verschollen. Nun ist das früheste erhaltene Manuskript des später weltberühmten Schriftstellers wieder aufgetaucht und wird erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Thomas Strässle, Literaturwissenschaftler und Präsident der Max Frisch-Stiftung, spricht von einer echten literarischen Sensation.

Frühe Technikkritik des späteren Meisterautors

In seinem Abituraufsatz mit dem Titel "Licht- und Schattenseiten der modernen Technik" entwickelt Frisch bereits jene Skepsis gegenüber der Technikgläubigkeit, die später zu einem zentralen Motiv seines literarischen Werks werden sollte. "Technikkritik ist auch eines der großen Themen des späteren Max Frisch", betont Strässle in seiner Einordnung des Fundes.

Der junge Frisch stellt in seiner Arbeit Urmenschen, die um ihr bloßes Überleben kämpfen müssen, den modernen Erdbewohnern gegenüber. Die Technik, die von "Vollblutdummköpfen mit Kultur identifiziert" werde, nehme den Menschen zwar viel Arbeit ab, gebe ihnen dafür aber mehr Zeit, die sie auf problematische Weise füllten: mit Denken. "Je klarer und logischer wir aber denken, desto rascher erkennen wir die bodenlose Stumpfsinnigkeit unseres Daseins", schrieb der Abiturient mit bemerkenswerter Selbstgewissheit.

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Diebstahl und späte Rückgabe

Dass der Text jetzt wieder auftaucht, hat eine kuriose Vorgeschichte: Ein späterer Schüler derselben Zürcher Schule hatte die Arbeit in den 1950er Jahren aus einem Archivschrank des Realgymnasiums Rämibühl entwendet. Zu diesem Zeitpunkt war Frisch bereits eine literarische Größe. Der Dieb gab 2024 an, den Aufsatz "für die Nachwelt erhalten" haben zu wollen, als er ihn an das Max-Frisch-Archiv der ETH Zürich zurückschickte.

Die Nachlassbewahrer an der ETH Zürich bewerten den Fund als große Bereicherung für ihren Bestand, handelt es sich doch um das älteste erhaltene Manuskript des Autors überhaupt. Der Aufsatz erscheint nun in einer Festausgabe zum 175. Jubiläum des Zürcher Lehrmittelverlags (LMVZ), zusammen mit Schulerinnerungen weiterer Prominenter.

Altkluger Ton und überraschende Warnungen

Wie die "Neue Zürcher Zeitung" anmerkt, kommt der Abituraufsatz in einem etwas altklugen Ton daher. Frisch warnt darin, technische Hilfsmittel würden zu "physischer Bequemlichkeit" führen. Die dadurch gesparten Kräfte "verpuffen wir entweder im Sport, in künstlichen, nicht selten gesundheitsgefährlichen Strapazen oder in geschlechtlichen Excessen", schreibt der junge Autor mit erstaunlicher Direktheit.

Sein Fazit fällt entsprechend deutlich aus: "Vom Standpunkt des Glücks aus beurteilt, ist die Technik abzulehnen." Strässle findet Frischs Gegenüberstellung von Urmensch und problemgetriebenen Zivilisationsmenschen zwar "naiv und plakativ", erkennt aber bereits den künftigen Schriftsteller: "Hier schreibt einer, der hoch hinaus will und es kaum erwarten kann."

Vorläufer des literarischen Hauptwerks

Das Thema der Technikkritik verarbeitete Frisch später in seinem Welterfolg "Homo faber" (1957), in dem das rationale Weltbild des technikgläubigen Protagonisten Walter Faber durch Gefühle und Schicksalsschläge zerstört wird. Frischs Bücher, darunter auch "Stiller" oder "Biedermann und die Brandstifter", sind Generationen von Schülerinnen und Schülern aus dem Deutschunterricht bekannt.

Der Schweizer Autor, der wie sein Landsmann Friedrich Dürrenmatt wiederholt für den Literaturnobelpreis im Gespräch war, zeigt in diesem frühen Text bereits jene kritische Haltung, die sein gesamtes Werk prägen sollte. Die Wiederentdeckung seines Abituraufsatzes erlaubt nun einen einzigartigen Blick auf die gedanklichen Ursprünge eines der bedeutendsten europäischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

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