Michel Houellebecq zum 70.: Vom Skandal zur Lyrik – ein leiser Neustart des Enfant terrible
Kein neuer Roman, kein Eklat – stattdessen Gedichte und sanfte Klänge: Zum 70. Geburtstag am 26. Februar kehrt der französische Schriftsteller Michel Houellebecq mit Lyrik und Musik zurück. Nach dem aufsehenerregenden Porno-Skandal um seinen Film „Kirac 27“ könnte dies ein versöhnlicher Neuanfang sein, der von ungewohnter Zurückhaltung geprägt ist.
Die Wunden des Skandals: Scham und Paranoia
Der Wirbel um den Sexfilm „Kirac 27“ scheint dem Autor noch tief in den Knochen zu sitzen. In einem seltenen Interview nach dem Skandal sprach Houellebecq von Scham, Paranoia und einem Verlust an Unbefangenheit. „Man wird paranoid, hat das Gefühl, alle schauen einen spöttisch an, und man beginnt, seinen eigenen Körper zu verachten“, erklärte er in der TV-Literatursendung „La Grande Librairie“. Diese Scham werde nie verschwinden, gestand er ein – eine ungewöhnliche Offenheit vom sonst so demonstrativ unbeirrbaren Enfant terrible der Literatur.
Obwohl Gerichte Houellebecqs Versuch, den Film zu stoppen, abgelehnt hatten, ist „Kirac 27“ bis heute nicht offiziell erschienen. Ein kurzzeitig online gezeigter Trailer zeigte den Autor in intimer Szene mit einer jungen Frau. Später räumte er in der „Süddeutschen Zeitung“ ein: „Das war vielleicht das Dümmste, was ich je in meinem Leben getan habe“. Nach dem Skandal scheint selbst seine schmuddelige Inszenierung mit lässig geklemmter Zigarette Risse bekommen zu haben.
Die Rückkehr zu Gedichten und Musik
Vielleicht ist es diese neue Zurückhaltung, die ihn nun, vier Jahre nach seinem letzten Roman „Vernichten“, zu Gedichten und Musik zurückkehren lässt. Die Sammlung „Combat toujours perdant“ (Der stets verlorene Kampf) versammelt Texte, von denen mehrere auf dem Album „Souvenez-vous de l’homme“ (Erinnert euch an den Menschen) vertont wurden. Beide Alben sind in Frankreich für Anfang März geplant.
Ende Januar erschien bereits der Song „Ils chevauchaient le vent“ (Sie ritten auf den Wind) – zart im Klang, doch unverkennbar von Houellebecqs Themen geprägt: Krieg, Maschinen, Entfremdung und das langsame Verschwinden des Menschen. Auf dem neuen Album begleitet ihn der französische Komponist und Singer-Songwriter Frédéric Lo, bekannt für seine melancholisch-filmische Musik. Bereits in den 1990er- und 2000er-Jahren verband Houellebecq Gedichte mit Musik, doch nun wirkt dieser Schritt wie ein bewusster Kontrapunkt zu den jüngsten Turbulenzen.
Vom Endzeit-Propheten zum umstrittenen Chronisten
Houellebecq ist einer der meistübersetzten und zugleich umstrittensten Autoren Frankreichs. Für die einen ist er ein zynischer Provokateur, für die anderen ein scharfsinniger Chronist westlicher Gesellschaften. In „Plattform“ schickte er 2001 seinen sexuell frustrierten Protagonisten nach Thailand und thematisierte Sextourismus – ein Schock für Feministinnen und Gegner der Prostitution.
Seinen Ruf als Endzeit-Prophet festigte er mit Werken wie „Elementarteilchen“ und „Die Möglichkeit einer Insel“, in denen er die verkommenen Menschen des Abendlandes durch geklonte Individuen ersetzt. Für „Karte und Gebiet“ erhielt er den renommierten Prix Goncourt, während „Unterwerfung“, in dem Frankreich von einem muslimischen Präsidenten regiert wird, eine heftige politische Debatte auslöste. Mit „Vernichten“ präsentierte er 2022 erneut eine düstere Vision von der Welt und der Menschheit.
Biografie eines Unbequemen
Bevor er zum Enfant terrible der Literatur wurde, erlangte Houellebecq ein Diplom als Landwirtschaftsingenieur und studierte Filmwissenschaften. 1958 (nach anderen Angaben 1956) wurde er als Michel Thomas auf der französischen Insel La Réunion im Indischen Ozean geboren. Seine Großmutter zog ihn auf, er nahm ihren Namen als Pseudonym an. Wegen Depressionen suchte Houellebecq mehrfach psychiatrische Kliniken auf.
Reaktionär, Frauenfeind, Islam-Hasser, Romantiker, Nihilist, Visionär – in seinen Romanen seziert er unsere Zeit. Um politische Korrektheit kümmerte er sich bislang wenig. „Ich bin der Radikalste von allen“, sagte er in einem Interview. Doch nach dem Skandal um „Kirac 27“ scheint sich diese Haltung möglicherweise verändert zu haben. Sein leiser Neustart mit Lyrik und Musik könnte ein Zeichen dieser Wandlung sein – oder doch nur eine weitere Facette seiner komplexen Selbstinszenierung.



