Fast 100 Jahre verschollen: Max Frischs Abituraufsatz als literarische Sensation entdeckt
Max Frischs Abituraufsatz nach 100 Jahren entdeckt

Fast 100 Jahre später: Abituraufsatz von Max Frisch entdeckt

Ein gestohlener Abituraufsatz taucht plötzlich nach fast einem Jahrhundert wieder auf. Experten sprechen von einer literarischen Sensation, die zeigt, wie der Schweizer Schriftsteller Max Frisch schon als Schüler ein zentrales Motiv seiner späteren Werke vorwegnahm. Der Text war seit den 1920er Jahren verschollen und wird nun erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Frisch und die frühe Technikkritik

In dem Abituraufsatz mit dem Titel „Licht- und Schattenseiten der modernen Technik“ legt Frisch bereits im Alter von 19 Jahren ein fundamentales Thema seines literarischen Schaffens dar: die scharfe Kritik an der Technikgläubigkeit der Moderne. Der Literaturwissenschaftler und Präsident der Max Frisch-Stiftung, Thomas Strässle, bezeichnet den Fund als eine echte literarische Sensation. „Technikkritik ist auch eines der großen Themen des späteren Max Frisch“, betont Strässle in seiner Analyse.

Frisch stellt in seiner Arbeit die Urmenschen, die sich primär um das pure Überleben kümmern mussten, den modernen Erdbewohnern gegenüber. Seiner Ansicht nach nimmt die Technik den Menschen zwar viel Arbeit ab und schenkt ihnen mehr freie Zeit. Doch genau diese Zeit füllen die Menschen problematisch: mit endlosem Nachdenken. „Je klarer und logischer wir aber denken, desto rascher erkennen wir die bodenlose Stumpfsinnigkeit unseres Daseins“, schrieb der junge Frisch bereits 1930. Sein damaliges Fazit fiel deutlich aus: „Vom Standpunkt des Glücks aus beurteilt ist die Technik abzulehnen“.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Die Welterfolge des Autors

Dieses Thema verarbeitete Frisch später in seinem internationalen Welterfolg „Homo faber“ aus dem Jahr 1957. In diesem Roman wird das rationale, technikgläubige Weltbild des Protagonisten Walter Faber durch unerwartete Gefühle und schicksalhafte Schicksalsschläge radikal zerstört. Frischs Bücher, darunter auch Klassiker wie „Stiller“ oder „Biedermann und die Brandstifter“, sind Generationen von Schülerinnen und Schülern aus dem Deutschunterricht bestens bekannt.

Der Autor wurde wie sein Landsmann Friedrich Dürrenmatt immer wieder als Anwärter für den Literaturnobelpreis gehandelt, doch die begehrte Auszeichnung blieb beiden großen Schweizer Schriftstellern letztlich versagt. Dennoch prägte Frisch die europäische Literatur des 20. Jahrhunderts nachhaltig.

Ein Diebstahl macht den Text jetzt zugänglich

Dass der Abiturtext nun nach fast 100 Jahren wieder auftaucht, hat eine ungewöhnliche Geschichte: Ein späterer Schüler an Frischs ehemaliger Schule in Zürich hatte die Arbeit in den 1950er Jahren aus einem Archivschrank entwendet. Zu diesem Zeitpunkt war Max Frisch bereits eine anerkannte literarische Größe. Der Mann gab später an, er habe den Aufsatz für die Nachwelt erhalten wollen, und schickte ihn im Jahr 2024 an das Max Frisch-Archiv zurück.

Der historische Aufsatz erscheint nun in der Festausgabe zum 175. Jubiläum des Lehrmittelverlags in Zürich (LMVZ). Die anderen Texte in dieser Sammlung stammen von verschiedenen Prominenten, die der Herausgeber gebeten hatte, persönliche Schulerinnerungen beizusteuern. Thomas Strässle findet die Gegenüberstellung von Urmensch und problemgetriebenem Zivilisationsmenschen in Frischs Jugendwerk zwar „naiv und plakativ“, doch für ihn steht fest: „Hier schreibt einer, der hoch hinaus will und es kaum erwarten kann.“ Diese Entdeckung wirft ein neues Licht auf die frühe Entwicklung eines der bedeutendsten Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration