Martin Suter: Warum das Duzen heute an Wert verliert
In einer Zeit, in der sich fast jeder ungezwungen duzt, erhebt der Schweizer Bestsellerautor Martin Suter seine Stimme für mehr Anstand und Respekt in sozialen Interaktionen. Der 77-jährige Schriftsteller, bekannt für sein stets gepflegtes Auftreten mit Einstecktuch und Anzug, sieht im inflationären Gebrauch des "Du" eine Entwertung persönlicher Nähe.
Das Du als etwas Besonderes
In einem exklusiven Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa erklärte Suter, dass das allgemeine Duzen die Möglichkeit raube, sich schrittweise näherzukommen. "Es hat mir immer gefallen, dass man sich ein Du erarbeiten musste", so der Autor. "Sofort Du zu sagen, das entwertet das Du ja völlig. Dann ist es nichts Besonderes mehr." Für ihn sei die traditionelle Sie-Form ein Ausdruck von Wertschätzung, der in modernen Zeiten oft vernachlässigt werde.
Gepflegtes Auftreten als Zeichen des Respekts
Martin Suter legt nicht nur auf sprachliche Höflichkeit Wert, sondern auch auf äußere Erscheinung. Er tritt stets im Anzug auf, weil er überzeugt ist, dass ein gepflegtes Aussehen dem Gegenüber Achtung entgegenbringe. Diese Haltung mag manchen altmodisch erscheinen, doch Suter bleibt standhaft: Manieren und gesellschaftliche Gepflogenheiten sind für ihn unverzichtbar, um die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen zu wahren.
Ein Blick in die Vergangenheit und Gegenwart
Vielleicht sehnt sich Suter nach Epochen zurück, in denen selbst in ungewöhnlichen Situationen – wie im berühmten Loriot-Sketch von 1978 – die formelle Anrede gewahrt blieb. Heute hingegen duzen sich selbst Politiker aus verfeindeten Lagern in Talkshows, oft ohne explizite Absprache. Dieser Trend zum informellen Umgang findet Suter bedenklich, da er die Nuancen sozialer Distanz und Nähe verwischt.
Parallel zu seinen Kritikpunkten veröffentlicht der Autor am 25. Februar einen neuen Sammelband mit dem Titel "Können Sie mich sehen? Die Business Class im Homeoffice". Das Werk versammelt kurze Texte über Manager-Marotten, die bisher nur auf seiner Website hinter einer Bezahlschranke zugänglich waren. Ironischerweise zeigt sich dabei, dass in Suters digitalen Meetings, etwa auf Microsoft Teams, weiterhin akkurat gesiezt wird – ein kleiner Trost in einer Welt des vermeintlichen Sittenverfalls.
Martin Suters Standpunkt unterstreicht eine tiefere Debatte über den Wandel sozialer Normen. In einer zunehmend informellen Gesellschaft fordert er dazu auf, die Bedeutung von Anstand, Manieren und respektvoller Kommunikation nicht zu vergessen. Seine Worte regen zum Nachdenken an, wie wir Balance zwischen Nähe und Distanz in unserem Alltag finden können.



