Uwe Tellkamp in Güstrow: Umstrittener Autor liest über DDR, Dichtung und Wahrheit
Uwe Tellkamp liest in Güstrow über DDR und Wahrheit

Uwe Tellkamp in Güstrow: Eine Lesung zwischen Dichtung und politischer Wahrheit

An einem späten Nachmittag im zweiten offiziellen Frühlingstag neigte sich die Sonne über Güstrow. Im Schatten der historischen Pfarrkirche stand ein Mann mit markanten, ernsten Gesichtszügen und streng nach rechts gezogenem dunklem Scheitel. Es war der 58-jährige Schriftsteller Uwe Tellkamp, der sich für seine Lesung in der Domstraße 17 sammelte. Vielleicht kamen ihm dabei Erinnerungen an Kindheitsbesuche in Güstrow, als er mit seinem Vater, einem Saisonarzt an der Küste, im Sommerurlaub diese Kirche besichtigte.

Prominente Gäste und kontroverse Themen

Die Galerie „Kunst am Dom“ füllte sich schnell mit erwartungsvollen Zuhörern zwischen prächtig gerahmten Gemälden und kunstvollen Buchwälzern. In den ersten Reihen saßen prominente Gäste: Peter Michael Diestel, letzter Innenminister der DDR und regelmäßiger Gast bei Vernissagen dieser Galerie, brachte seinen Freund Leander Haußmann mit. Der gut gelaunte Regisseur der DDR-Aufarbeitungs-Komödien „Sonnenallee“ und „NVA“ sorgte für eine lockere Atmosphäre.

Uwe Tellkamp, Träger des Uwe-Johnson-Literaturpreises, las aus seinem Werk „Der Schlaf der Uhren“. Dieser versatzstückartig komponierte Text orientiert sich am Stil des berühmten Güstrower Schriftstellers Uwe Johnson. Der Titel inspirierte die Gastgeberin Olga Marchheim zu Assoziationen mit Salvador Dalis surrealistischem Gemälde der fließenden Uhren, welches sie in ihrem YouTube-Kanal „Olga entdeckt Kunst“ humorvoll verarbeitet hatte.

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Kritik und Kontroversen um den Autor

Tellkamp, einst gefeierter National- und Buchpreisträger, steht seit einiger Zeit in der Kritik. Ihm wird Nähe zu rechtspopulistischen Gedanken vorgeworfen, insbesondere aufgrund umstrittener Äußerungen über Flüchtlinge, die Reichsbürgerszene und angebliche Repressionen gegen Andersdenkende in Deutschland. Diese Kontroversen überschatten oft die literarische Würdigung seiner Werke.

Während der Lesung amüsierte sich Leander Haußmann laut über Passagen, in denen sich der schlaksige Filmvorführer Fabian Hoffmann aus dem tristen DDR-Alltag in romantische Western-Helden-Fantasien flüchtet. Tellkamps ironische, melancholische und klischeefreie Sprache vereint Musik, Malerei, Bühne und Literatur zu einem eindrucksvollen Ganzen. Dennoch wurden seine Werke in großen deutschen Leitmedien häufig eher einer Gesinnungskritik als einer literarischen Bewertung unterzogen.

DDR-Erfahrungen und künstlerische Verarbeitung

In der anschließenden Diskussion ging es um differenzierte Erfahrungen als in der DDR Sozialisierter. Tellkamp berichtete von seinem Wandel vom Widerständler gegen den real existierenden Staat zum Ost-Versteher in der Nachwendezeit. Galerist Andreas Wittenburg, selbst ehemaliger Ausreisender, schilderte ähnliche Erfahrungen. Leander Haußmann bemerkte pointiert, dass die fortbestehenden Ungleichheiten zwischen Ost und West einen mittlerweile fast zwingen würden, „Ossi“ zu werden.

Tellkamps Güstrow-Erfahrungen hat der Autor in seinem Künstler-Roman „Das Atelier“ verarbeitet. Darin zieht sein Alter Ego als unsteter Wanderer durch die Gefühlswelten des Bildhauers Ernst Barlach, begleitet von Assoziationen zu Schuberts „Winterreise“. Das Buch erschien im Verlag der Pegida-freundlichen Buchhändlerin Susanne Dagen und enthält Figuren, die an den als rechtsromantisch geltenden Maler Neo Rauch und den AfD-nahen Künstler Axel Krause erinnern.

Literatur zwischen Wertschätzung und Abwertung

Peter Michael Diestel illustrierte den teils respektlosen Umgang mit DDR-Kultur mit einer persönlichen Anekdote: Als Testamentsvollstrecker für den Schauspieler Peter Sodann musste er dessen umfangreiche DDR-Bibliothek als „Sondermüll“ behandeln. Dabei betonte er, dass nicht nur DDR-Literatur gesetzlich dieser Kategorie zugeordnet wird.

Die Diskussion thematisierte auch die fortbestehenden Barrieren zwischen Ost und West, die ein gegenseitiges Verständnis oft bereits auf atmosphärischer Ebene verhindern. Kurz vor Ende des moderaten Austauschs fiel die Brandmauer zu Halbwahrheiten und Klischees – genau jenen Klischees, die Tellkamp mit seiner assoziativen Sprachleidenschaft in seinen Texten bewusst zu vermeiden sucht.

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Insgesamt gestaltete sich der Abend als inspirierende Veranstaltung, initiiert von der ehemaligen Leiterin der Uwe-Johnson-Bibliothek Sabine Moritz gemeinsam mit Andreas Wittenburg. Weitere literarische Veranstaltungen sind bereits geplant, darunter eine Diskussion über DDR-Verlage am 26. März in der Uwe-Johnson-Bibliothek mit Literaturprofessor Carsten Gansel und seinem neuen Buch „Ausradiert“.