Herbert Grönemeyer wird 70: Ein Gespräch über Leben, Kunst und Gesellschaft
Herbert Grönemeyer, einer der prägendsten deutschsprachigen Musiker, feiert heute seinen 70. Geburtstag. In einem ausführlichen Interview spricht der Künstler über diese Lebensmarke, seine aktuellen Projekte und seine Sicht auf politische Entwicklungen.
Das dritte Drittel: Neue Gedanken und Projekte
„Man geht quasi ins dritte Drittel und da kann alles passieren“, beschreibt Grönemeyer seine aktuelle Lebensphase. Der Künstler merke, dass sich das Denken ab Ende 60 verändere und andere Gedanken auftauchten. „Das ist nicht etwas, was einen latent beschäftigt, aber natürlich ist das jetzt einen Tick anders, als wenn man 58 Jahre alt ist“, so der Musiker.
Trotz des Alters bleibt Grönemeyer rastlos: „Ich arbeite gerade an einer neuen Platte. Der Plan ist, dass sie Ende des Jahres oder Anfang 2027 kommt“. Zudem hat er große Pläne: „Dann würde ich gerne übernächstes Jahr anfangen, eine Oper zu schreiben. Ich habe einen sehr schönen, sehr traurigen Stoff“. Nächstes Jahr will er wieder als Dirigent auftreten.
Künstlerisches Schaffen und Selbstreflexion
Grönemeyer beschreibt sich selbst als „Sternzeichen Widder“ und erklärt: „Das sind die Kindsköpfe, aber es sind auch die Feuerzeichen“. Dieses Temperament begleite ihn sein ganzes Leben. „Ich habe immer schon auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig getanzt“, erinnert er sich an seine vielseitigen Aktivitäten in jüngeren Jahren.
Auch mit dem öffentlichen Altern setzt sich der Künstler auseinander: „Optisch zu altern ist generell nicht das Allereinfachste, aber in meinem Falle altert man eben auch öffentlich. Das ist für die eigene Eitelkeit und das Selbstverständnis natürlich ein Prozess, an den man sich gewöhnen muss“.
Politisches Engagement und Gesellschaftskritik
Grönemeyer äußert sich deutlich zu aktuellen politischen Entwicklungen: „Die Sozialdemokraten oder die Linksliberalen haben ihre Sprache verloren, auch weltweit“. Er kritisiert, dass sich speziell die arbeitende Bevölkerung nicht mehr abgeholt fühle. „Da sind die Rechten oder Populisten reingegrätscht“.
Zur aktuellen Regierung unter Friedrich Merz sagt Grönemeyer: „Noch hat er für mich eine gewisse Bewährungsfrist“. Er verweist auf den „gravierenden Fehler“ mit der Brandmauer bei Abstimmungen mit der AfD. „Er muss zeigen, ob er auch die rechtskonservativen Kräfte in der Partei unter Kontrolle hält“.
Konkrete politische Forderungen
Der Musiker fordert konkrete Maßnahmen: „Warum gibt es zum Beispiel keine Vermögensteuer mehr? Ich habe die ja bis '96 bezahlt“. Diese könne zur Armutsbekämpfung eingesetzt werden. Zudem schlägt er einen Bürgerfonds vor, in den wohlhabende Bürger einzahlen könnten.
„Es wird immer nur gesagt: Oh, jetzt wird alles ganz furchtbar“, kritisiert Grönemeyer. Stattdessen brauche die Gesellschaft „Ziele und Ansprache und Mitsprache“. Er vergleicht die Gesellschaft mit einer Familie, in der man sich um diejenigen kümmere, denen es schlecht gehe.
Zur Person Herbert Grönemeyer
Herbert Grönemeyer wurde 1956 in Göttingen geboren und wuchs in Bochum auf. Sein musikalisches Schaffen prägt Generationen – das Album „Mensch“ gehört mit über drei Millionen verkauften Exemplaren zu den erfolgreichsten in Deutschland. Bekannte Hits wie „Männer“, „Flugzeuge im Bauch“ oder „Bochum“ sind fester Bestandteil der deutschen Musikkultur.
Neben seiner musikalischen Karriere war Grönemeyer auch als Schauspieler erfolgreich, etwa in Wolfgang Petersens Film „Das Boot“. Derzeit lebt der Künstler in Berlin und plant für Mai 2027 den Start einer großen Arena-Tour.



